Fred und Cécile Zimmermann-Stiftung Wattenwil



Bruchstücke aus der Geschichte Wattenwils...

Vor etwa 120‘000 Jahren...   Vor der letzten Eiszeit…

Wir sind in der letzten Zwischeneiszeit. Felsmassen stürzen von der Stockhornkette herab, versperren bei Pohlern das Tal und bilden eine Wasserscheide. Somit wird die Kander am Weiterfluss gehindert. Sie sucht sich ihren neuen Lauf nordwärts durch das heutige Glütschbachtal, Richtung Aare.
Mit diesem Naturereignis ist eine der Voraussetzungen geschaffen, wie das Gürbetal viel, viel später aussehen wird. Erst kommt noch die letzte Eiszeit, während welcher der Aargletscher eine dicke Eisschicht - 900 bis 1'000 Meter - über das spätere Gürbetal mit Wattenwil legt.

Quellenangabe:
Amacher Doris, „Blumenstein und Pohlern“; Wanderführer zu ländlicher Architektur, Seite 5; ISBN 3-85782-5. eLexikon > Geographisches Lexikon > Band 41 > Seite 41.26 "Der Unteraargletscher". https://peter-hug.ch/41_0026


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Vor etwa 12‘500 bis 10‘000 Jahren...   Nach der letzten Eiszeit…

Geologie

Unsere Landschaft ist stark durch die vorherrschenden Gesteinsarten, durch Spuren der Vergletscherung und die Erosionskraft des Wassers geprägt.

Südlich vor uns stellen sich die steil aufsteigenden Kalkfelsen der Stockhornkette. Näher zu uns folgt vom Gurnigel her eine Flyschzone. Weiter nördlich besteht der Untergrund aus Molasse.

Die Molasse bildete sich vor zirka 20 bis 30 Millionen Jahren. Zu den Voralpen hin, zum Teil von Flysch überdeckt, sind es subalpine Molasseformationen. Es handelt sich um versteinerte Ablagerungen aus den sich hebenden Alpen in ehemaligen Schwemmebenen, flachen Meeren oder Seen. Heute sieht man, wie sich Nagelfluh- und Mergelschichten abwechseln und dieses Gestein charakterisieren. Es wurde in den Voralpen tektonisch in Schrägstellung und leichter Überschiebung geformt, blieb im übrigen aber mehr oder weniger horzontal geschichtet.

Flysch ist älter als Molasse und besteht aus weicheren, leicht verwitterbaren Schichten von Sandsteinen und Mergeln. Flysch ist in der Regel wasser-undurchlässig, was lokal zu Rutschungen führt. Wildbäche aus der Flyschzone transportieren immer viel Schutt in die Talzonen. Flyschschutt überdeckt die Molasse. Dort kommt der felsige Untergrund nur in tief eingefressenen Gräben zum Vorschein, wie zum Beispiel bei uns in Wattenwil im Ölegraben.

Die Molasseformationen erkennt man vom Gürbetal aus besonders gut an der Chramburgfluh oberhalb von Gelterfingen oder an der Gutenbrünnenfluh oberhalb von Kaufdorf und Toffen.

Aus den Eiszeiten gibt es Spuren vom Aare- und Kandergletscher, als er über Wattenwil hinweg bis zum Rüschegg-Graben und über Helgisried bis Wislisau reichte; der Rhonegletscher kam bis Plaffeien. Die letzte Eiszeit dauerte gesamthaft etwa 100‘000 Jahre. Das Eis erreichte eine obere Grenze bei ca. 1‘000 Meter über Meer bildete also aus heutiger Sicht in Wattenwil eine Eisschicht von ca. 400 Metern, vom Dorf aus gemessen. Vor 15‘000 Jahren zogen sich die Gletscher in die Alpentäler zurück. Das eigentliche Ende dieser Eiszeit wird auf vor etwa 10‘000 Jahren angenommen.

Nach der Eiszeit beginnen Verwitterungen, Erosionen und Geschiebetransporte in Bächen und Flüssen die Landschaft zu verändern.

Quellenangabe:
Geologie
Bachmann Peter, „Wald und Wasser“, 2009, Kapitel 1, 1.1 Die Region Gantrisch, Geologie.
Gewässer
Bachmann Peter, „Wald und Wasser“, 2009, Kapitel 1, 1.1 Die Region Gantrisch, Gewässer.
Amacher Doris, „Blumenstein und Pohlern“, ein Wanderführer zu ländlicher Architektur, ISBN 3-85782-5.
Greule Albrecht, „Deutsches Gewässernamenbuch“, ISBN 978-3-11-019039-7.
Egger Hans, „Burgistein - Ausschnitte aus dessen Geschichte“, herausgegeben von der Gemeinde Burgistein, 1991.


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Nach der letzten Eiszeit… (Forts.)

Gewässer

Im Gantrischgebiet fallen bis anhin jährlich 1 bis 2 Meter Niederschlag, mehr oder weniger über das Jahr verteilt, deutlich mehr als im Mittelland. Versickerndes Wasser speist regelmässig fliessende Quellen und ausgedehnte Grundwassergebiete.

Die wichtigsten Fliessgewässer aus dem Gantrischgebiet sind die Gürbe, das Schwarzwasser und die Sense. Die Gürbe entspringt auf der oberen Nünenenalp, erreicht nach etwa 7 Kilometern das flache Tal und mündet nach weiteren 20 Kilometern unterhalb von Belp in die Aare.

Der Ursprung des Namens „Gürbe“ wird verschieden gedeutet. Der eine meint, „Gürbe“ leite sich vom Alemannischen „Gürbja“ ab (auch vom Romanischen "curbia" (Krümmung) oder Lateinischen „curvus“ (krumm); andere nehmen das keltische Wort „Jurowia“ (Waldbach) als Grundlage.

Wie dem auch sei, seit jeher gilt die Gürbe als gefürchteter Wildbach. Sie lässt auch heute noch periodisch von sich hören…!

Quellenangabe:
Bachmann Peter, „Wald und Wasser“, 2009, Kapitel 1, 1.1 Die Region Gantrisch, Gewässer.
Amacher Doris, „Blumenstein und Pohlern“, ein Wanderführer zu ländlicher Architektur, ISBN 3-85782-5.
Greule Albrecht, „Deutsches Gewässernamenbuch“, ISBN 978-3-11-019039-7.
Egger Hans, „Burgistein - Ausschnitte aus dessen Geschichte“, herausgegeben von der Gemeinde Burgistein, 1991.


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Seit etwa 8‘000 Jahren...   Aus der Ur- und Frühgeschichte

Beim Zusammenfluss der Kalten und der Warmen Sense in der Gemeinde Guggisberg sind einfache Steinwerkzeuge und Spuren von verkohltem Holz aus der Steinzeit gefunden worden, so dass angenommen werden darf, dass dort bereits vor ungefähr 8‘000 Jahren Menschen gelebt haben.

Somit können wir auch davon ausgehen, dass zu jener Zeit auch das obere Gürbetal von Menschen bewohnt ist.

Zur Geschichte in jener Zeit beschreibt Walter Zimmermann eine Jagdgrube, welche die Ureinwohner im Gebiet des heutigen Wattenwils auf dem höchsten Punkt der Goldegg auf 960 Meter über Meer benutzen. Zitat aus seiner Schrift von 1927:

„Zu beiden Seiten fällt das Terrain sehr steil ab, so dass dieselbe Stelle vom flüchtenden Wilde nicht umgangen werden konnte. Der Durchmesser der Grube misst 10 bis 11 Meter, die Tiefe 3 Meter. Jetzt ist sie trichterförmig. Früher waren die Wände selbstverständlich senkrecht. Dass die Jagdgrube aus sehr alten Zeiten stammen muss, ergibt sich aus der Tatsache, dass der Zweck derselben vollständig aus dem Gedächtnis des Volkes verschwunden ist, während von Bären- und Wolfsjagden im Gurnigelwalde noch einiges erzählt wird. Auch bewahrte man in Wattenwil noch lange ein Wolfsgarn auf, bis es schliesslich ein ganz schlauer [sic] Bauer zu Seiltüchern zerschnitt und ihm so ein unrühmliches Ende bereitete.

Auf beiden Seiten dieser grossen Jagdgrube sind noch mehrere kleine Gruben. Das Einsinken in diese kleinen Gruben stiftete Verwirrung in die flüchtenden Wildrudel, so dass sie blindlings in der einzigen möglichen Richtung davon rannten und in die Hauptgrube stürzten.

Nach Gold grub man auf der Goldegg niemals, wie sich das Volk vorstellt. Dies ist schon geologisch absolut unmöglich, denn das Terrain besteht aus stampischer Molasse.“

Zimmermann erwähnt auch das ungefähr einen Kilometer nordwestlich der Goldegg gelegene „Heidentum“, wo er eine frühgeschichtliche Erdburg vermutet, mit dem zusätzlichen Hinweis, dass im Gurnigelwald schon öfters altertümliche Gegenstände gefunden worden seien.

Zimmermann berichtet im Weiteren, dass im Höstettli in Wattenwil aus der Bronzezeit drei Skelette mit typischen Bronzebeigaben wie eine Randaxt und Spangen gefunden worden seien. Zudem existieren reiche Funde aus der Bronzezeit von 1800 bis 800 v. Chr. aus den Gebieten Strättligen und Allmendingen.

In seinem Bericht „Streifereien“ führt er auch Gräber auf, die sich auf dem Gebiet der Gemeinde Längenbühl bei Chlinismad befinden, die Gegenstände aus der Latènezeit enthalten, also aus der Zeit um ca. 450 vor Christus stammen.

Quellenangabe:
Bachmann Peter, „Wald und Wasser“, 2009, Kapitel 1, 1.1 Die Region Gantrisch, Geschichte.
Zimmermann Walter, aus „Prähistorische Streifereien in der weiteren Umgebung von Thun“ in "Bernische Geschichte, Kunst und Altertumskunde", März 1927; ETH-Bibliothek, Zürich.
Jahresbericht der Schweiz. Gesellschaft für Urgeschichte, 1924, Seite 60. Link: http://www.e-periodica.ch/digbib/view?pid=jas-001:1924:16#68
Zimmermann Walter, aus „Varia“ in "Bernische Geschichte, Kunst und Altertumskunde", 1928, Band 24, Seite 190; ETH-Bibliothek, Zürich.
Wikipedia https://de.wikipedia.org/wiki/Thun


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Bis etwa 500 nach Christus...   Aus dem Altertum

Wiederum meldet sich Walter Zimmermann zu Wort und berichtet, dass er im Seienried bei Wattenwil Überreste eines römischen Gutshofes mit Badeanlage entdeckt hat. Gefunden wurden auch Leistenziegelstücke, Rücken einer Reibschale, Scherben von „Terra Sigillata“ und rätische Keramik. Gebaut wurde der Hof wohl zur Zeit des Kaisers Trajan, welcher von 98 bis 117 nach Christus in Rom regierte, denn Walter Zimmermann findet eine Bronzemünze aus jener Zeit im Seienried.

Er erzählt ausserdem von einem römischen Gräberfeld in Thierachern und zwei römischen Grabsteinen im Schlossgarten in Amsoldingen.

Noch im auslaufenden Altertum lassen sich Menschen des deutschen Stammes der Burgunder im Gebiet zwischen Aare und Sense als Bauern und Viehzüchter nieder, die sich hier wohl nach und nach mit Menschen alemannischer und römischer Abstammung vermischen.

Die römische Herrschaft über die hiesige Region schwindet allmählich. Die Aare bildet die Grenze zwischen den christlichen Burgundern und den noch heidnischen Alemannen im Nordosten.

Bei den Aushubarbeiten im Jahr 1962 kommt in der Nordost-Ecke des zu bauenden Kirchgemeindehauses in grosser Tiefe eine Feuerstelle mit einer Aschenschicht von 30 bis 40 cm zum Vorschein. Das Ausmass der Aschenschicht lässt auf eine lange Benutzung schliessen. Es werden auch Tierknochen, einige Keramikscherben und Eisenteile gefunden – handelt es sich hier um eine Spur aus der Völkerwanderungszeit?

Quellenangabe:
Zimmermann Walter, Römische Funde im Seienried.
Studer Robert, Pfr, „300 Jahre Kirche Wattenwil 1683 – 1983“.
Breitner Otto, Dr phil., „Aus der Geschichte des obern Gurnigelwaldes“, Verlag: Buchdruckerei Geschäftsblatt AG, Thun; Publikation nach 1927 (Referenz Freiburger Geschichtsblätter, Band 23, Seite 51).


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Bis etwa 1500   Aus dem Mittelalter

Landgrafschaften

Aus den älteren Grafschaften aus der Zeit Karls des Grossen (768 – 814) entstehen „Landgrafschaften“, in denen dem Hochadel Reichslehen übertragen werden. Diese „Landgrafen“ haben zur Aufgabe, ihre Bezirke im Auftrag der vorgesetzten Herrschaften, zum Beispiel Herzöge und Könige, zu verwalten.

Es ist davon auszugehen, dass das Gürbetal bereits vom 9. bis 11. Jahrhundert in die grafschaftliche Organisation des Königreichs Burgund eingebettet ist, wobei die Strukturen dieser Landgrafschaften geographisch zeitweise einer mehrdimensionalen Symmetrie unterworfen waren...

Nach dem Tode des letzten rector Burgundie, Herzog Berchtold V. von Zähringen, entstehen anfangs des 13. Jahrhunderts die beiden Landgrafschaften „Burgund rechts der Aare“ und „Burgund links der Aare“, etwa auch „Burgund jenseits der Aare“ genannt, wo das heutige Wattenwil liegt; die Landgrafschaften dienen der Wahrung des Reichsgutes und zur Sicherung des Landfriedens. Sie sind auch Standesgerichtsbezirke für Adel, Geistliche und freie Bauern.

Mit einiger Wahrscheinlichkeit ist die Landgrafschaft „Burgund links der Aare“ am Ende des 13. und im frühen 14. Jahrhundert in 3 grosse Landgerichte zwischen Jura und Stockhorn eingeteilt, wovon eines – mit Stock und Galgen – das Landgericht Wattenwil ist, somit Standort eines Hoch- und Blutgerichtes.

Das Landgericht Wattenwil umfasst in etwa das Gebiet von der Aare ins Stockental, über den Längenberg bis zum Gurten. Innerhalb dieses Territoriums bestehen aber auch noch andere Gerichte verschiedener geistlicher und weltlicher Herren. Zur damaligen Zeit gilt, dass die Macht bei demjenigen liegt, der das Recht zum Richten hat.

Ab dem 14. Jahrhundert verlieren Landgrafschaften ihre Daseinsberechtigung, denn die Stadt Bern dehnt ihren Besitz laufend aus und übernimmt darin die Sicherung des Landfriedens. Gleichzeitig schafft sie kleinräumigere Verwaltungs- und Gerichtsorganisationen, um die Kontrolle über Gebiete und Menschen fest in den Griff zu bekommen und zu behalten.

Die spezielle Situation Wattenwils

In einer Region hat Bern lange Zeit (noch) keine Herrschaftsrechte und eigentlich direkt nichts zu sagen: In der Landgrafschaft „Burgund links der Aare“, unter anderem im heutigen Wattenwil.

Die Freiherren von Strättligen, die Ritter von Burgistein, aber auch der Probst Eberhard III. von Kyburg in Amsoldingen und die Herren von Amsoldingen sind treue Gefolgsleute der Kyburger und von Habsburg-Österreich, ihnen somit freundlich gesinnt. Sie gehören also zu den Gegnern der Stadt Bern. Bei ihnen liegt die Hoch- und Blutgerichtsbarkeit. Den Strättligern gehören „twing und ban, stogk und galgen, hochi und nidri gerichti mit gantzer und voller herschaft, als das von alter har kommen ist in Wattenwil“.

Anton von Tillier schreibt in seiner „Geschichte des Freistaates Bern“ über die Lage anfangs des 14. Jahrhunderts:

„ ...von ihrem Felsenschloss herunter betrachteten die Herren von Burgistein, denen auch Wattenwyl und Rüeggisberg gehörten, ein zahlreiches und angesehenes am Hofe der österreichischen Herzöge wohl gelittenes Geschlecht, das Glück Berns mit schlecht verhehlter Missgunst“ – als Untertanen derer von Burgistein wird wohl nicht gelitten, Bern gegenüber allzu freundlich gesinnt zu sein...

In den 1380er Jahren beginnt sich Bern jedoch zunehmend für die Landgrafschaft „Burgund links der Aare“ zu interessieren. Damit es seine Herrschaft hier durchzusetzen kann, ist es eben darauf angewiesen, über Hochgerichtsrechte zu verfügen. Es richtet in Seftigen eine eigene bernische Richtstätte ein, um im oberen Gürbetal besser Fuss zu fassen. Bern versucht offenbar, Wattenwil gerichtsmässig, und somit machtmässig, das Wasser abzugraben! In der Folge entsteht das Landgericht Seftigen, dem dann auch Strättligen und Amsoldingen unterworfen werden. Das Landgericht Wattenwil beschränkt sich nunmehr auf das Dorf Wattenwil.

Wattenwil gehört abwechslungsweise verschiedenen auswärtigen Herrschaften. Da ganze Dorf, Güter und Einwohner, manchmal auch nur Teile davon oder nur einzelne Höfe, werden immer wieder verpfändet, vererbt oder weiterverkauft.

1962 stösst man bei den Aushubarbeiten für das Kirchgemeindehaus auf sonderbare Reste, die zur Benachrichtigung des Historischen Museums Bern führen. Im Jahresbericht des Historischen Museums Thun von 1963 spricht man von einem mittelalterlichen Gebäude, das durch einen Erdrutsch oder eine Überschüttung vom Ölebach her überdeckt worden ist.

Quellenangabe:
Dubler, Anne-Marie, Dr, „Staatswerdung und Verwaltung nach dem Muster von Bern“, SBN 978-03919-278-6.
von Tillier Anton, „Geschichte des eidgenössischen Freistaates Bern“, Band 2, Seite 123.
Studer Robert, Pfr, „300 Jahre Kirche Wattenwil 1683 – 1983“.


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Das 16. Jahrhundert   Aus der näheren und weiteren Umgebung

Der Wald gehört zur Lebensgrundlage der Zivilisationen; zum Überleben der Menschen und zur Entwicklung ihrer Existenz ist er unabdingbar.

Richard Feller beschreibt in seiner „Geschichte Berns“ das Verhältnis Mensch und Wald im 16. Jahrhundert so:

„Der Wald war das Stiefkind des Staates. Die Obrigkeit hatte schon im 16. Jahrhundert aus Furcht vor Holzmangel Schutzmandate erlassen. Sie wurden nie streng gehandhabt, weil der Staat nicht die nötige Aufsicht führte. Ihm gehörten die meisten Wälder auf den Höhen und Hängen, den Gemeinden gewöhnlich die Wälder in der Tiefe. Hochwald bedeutete Staatswald. Da die entlegenen Gehölze nicht genügend durch Wege erschlossen waren, warfen sie dem Staat nicht den Nutzen ab, der ihrem Umfang entsprach. Darum eröffnete die Obrigkeit die Staatswälder den anstossenden Dörfern. Die Gemeindewälder lichteten sich, weil sie leichter zugänglich waren und oft ohne Rücksicht ausgebeutet wurden, besonders, wenn die Bevölkerungszunahme es gebot. An verschiedenen Orten unterstanden die Gemeindewälder dem Obereigentum des Twingherrn. Der Wandel der Verhältnisse, die Ansprüche der wachsenden Siedlungen nötigten ihn zu Zugeständnissen, die sein Recht unterhöhlten. Die Obrigkeit hatte die Gesetzgebung auch über die Gemeindewälder.

Die Obrigkeit erlaubte ihre Wälder den Untertanen zu vierfacher Nutzung. Sie durften Holz für Feuerung, Bauten, Gerät und Zäune schlagen, das Vieh darin weiden, Laub und Tannnadeln für Stallstreue zusammenrechen und Tannäste abhauen, um Holzringe für die Zäune zu drehen. Die Obrigkeit verlangte dafür wenig baren Entgelt. Sie belegte an manchen Orten das Acherum, die herbstliche Eichelmast der Schweine, mit einer Abgabe; an andern nahm sie die Stocklosung oder den Stockhaber, etwa einen Batzen vom gefällten Stamm. Sie ging von der Ansicht aus, der Wald sei eine Leihe Gottes, die sich von selbst erneuere. Die Waldhut genügte nicht.

Die obrigkeitlichen Bannwarte waren schlecht bezahlt und daher versucht, ihren knappen Lohn durch Nachsicht gegen andere zu verbessern. So hatten die Feinde des Waldes Freiheit für ihr zerstörendes Werk. Der gemeine Weidgang beschädigte den Aufwuchs. Im Volk ging die Ansicht um, Gott habe den Wald für alle geschaffen, zumal die Obrigkeit keine Kosten zu seinem Unterhalt aufwandte. Manche betrachteten ihn als letzte Zuflucht in der Not, legten ohne Erlaubnis Lichtungen an, auf denen sie Felder einschlugen und Häuser erstellten, weil in entlegenen Gegenden kein Auge über ihnen wachte. Die Dorfleute fällten Holz nicht nur für den Eigenbedarf, sondern auch für den Verkauf. Die Harzer zapften schonungslos die Bäume an. Die Köhler begnügten sich nicht mit dem Abfall des Waldes, sondern griffen auf das Nutzholz. Es fällt auf, wie die Obrigkeit auf anderen Gebieten eine regere Tätigkeit als früher entfaltete und für den Wald weniger denn je tat.“

Quellenangabe:
Feller Richard, Prof., Geschichte Berns, Band 3, VI. Kapitel, 5. „Der Wald und die Jagd“, ab Seite 534.
1528: Studer Robert, Pfr, „300 Jahre Kirche Wattenwil 1683 – 1983“.
Wälchli Karl F., Dr, Staatsarchivar, Bern, „Die bernischen Burgergemeinden als Heimatgemeinden,Referat anlässlich 50 Jahre Verband bernischer Burgergemeinden und burgerlicher Korporationen, Thun, 7.6.1997.


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1528   Reformation in Bern

Am 7. Februar 1528 erlässt die bernische Obrigkeit das Reformationsmandat. Wattenwil bleibt wie in der früheren katholischen Zeit der Kirche in Thurnen zugeteilt, deren Rechte jedoch an den Staat über gehen.

Bis anhin ist die Wattenwiler Bevölkerung konfessionell dem Bischof von Lausanne unterstellt gewesen. Bis zur Reformation übt er die kirchliche Gewalt aus und besitzt Kirchengüter hier. Mit der Reformation gehen sie und die Aufsicht über Kirchenzucht und die Sittenpolizei an den Staat Bern über.

In Wattenwil bleibt es still in dieser bewegten Zeit. Es gebe jedoch Anzeichen, dass man im oberen Gürbetal dem neuen Glauben gegenüber eine eher reservierte Haltung einnehme. So sei man hier gegen eine Priesterehe, und man läute bei Begräbnissen und Unwettern, was der Regierung missfällt, denn aus ihrer Sicht "nütze dies den Toten nichts und vertreibe auch die Unwetter nicht"; sie verbietet dieses Tun.

Mit der Reformation übernimmt der Staat die Kirchengüter, wird somit aber auch zuständig für die Armenbetreuung.

Quellenangabe:
Studer Robert, Pfr, „300 Jahre Kirche Wattenwil 1683 – 1983“.


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1571   Dekret betreffend Armenbetreuung

Der Staat verfügt, dass einheimische Arme an ihrem Wohnort betreut werden: „Jede in dem orth und kirchspäll, da sy daheimen, ouch erzogen und geboren sind, behalten werdindt.“

Quellenangabe:
Wälchli Karl F., Dr, Staatsarchivar, Bern, „Die bernischen Burgergemeinden als Heimatgemeinden“, Referat anlässlich 50 Jahre Verband bernischer Burgergemeinden und burgerlicher Korporationen Thun, 7.6.1997.


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1641   Die Wattenwiler kaufen sich frei

In einer Zeit grösserer Bauernunruhen verkauft Twingherr Albrecht Graf aus Solothurn seine Herrschaft Wattenwil mit Waldungen und Allmenden an die Wattenwiler Dorfgenossen.

Die Historikerin Dr Anne-Marie Dubler beschreibt die Funktion eines Twingherrn wie folgt (gekürzte Wiedergabe):

„In der Regel bedeuteten Twingherrschaft = Dorfherrschaft. Diese umfasste das Richteramt mit dem Recht zu strafen (büssen), die Herrschaft über die Flur und die Schirmgewalt über die Herrschaftsleute, d.h. Elemente der Vogtei, der Leib- und Grundherrschaft. Der Twingherr richtete über die kleineren Vergehen seines Gerichtsbezirks (Twing) und war dort Zivilrichter bei Klagen um Güter (Erb und Eigen) und um Geldschuld. Kraft seiner Rechte über Allmenden und Gewässer konnte er diese den Dorfbauern zur Nutzung überlassen oder verbieten (bannen). Er nutzte die Fischerei selbst oder lieh das Recht dazu Einzelnen oder der Gemeinde. Gestützt auf seinen Gewerbebann, konnte er grundherrschaftliche Gewerbe (Ehaften) wie Gasthäuser, Mühlen, Schmieden und Kelter eröffnen oder konzessionieren, an grösseren Orten auch Bäckereien, Metzgereien, Gerbereien und Färbereien, und seine Herrschaftsleute zu deren Benützung zwingen (Zwingmühle). Mehrere Eigentümer an Twingherrschaften eines Ortes partizipierten anteilsmässig an den Rechten und der Nutzung.

Der Obrigkeitsstaat des Ancien Régime beschnitt Herrschaftsrechte und Gerichtskompetenzen der Twingherren. Er beanspruchte die Oberhoheit über Hochwälder, Allmenden, Gewässer und Reisgründe (Flussbett und Auen) und den Gewerbebann schliesslich generell. Als Folge der Kompetenzkämpfe zwischen Obrigkeit und Twingherr verlor das Twinggericht an Ansehen. Seinen Lebensnerv aber traf das im 15. Jh. aufkommende Mandat: Die Obrigkeit regelte das Leben ihrer Untertanen zunehmend mit Mandaten (Erlassen) und lief damit der Gesetzgebung des Twingherrn im Dorfbereich den Rang ab. Sie umging mit höheren Mandatsbussen die Kompetenz seines Gerichts und dekretierte zuletzt die alleinige Ahndung von Mandatsdelikten. Nach der Reformation erstreckte sich dieses obrigkeitliche Regiment auch auf das Kirchen-, Schul- und Armenwesen, wobei Sittengerichte immer mehr Fälle an sich zogen, die vorher Sache von Twingherren gewesen waren.

Der Obrigkeitsstaat regelte zwar im 16. Jh. den Instanzenzug - die Appellation vom Twinggericht an den Twingherrn und erst in letzter Instanz an die Obrigkeit -, doch umging die Bevölkerung je länger desto mehr das diskreditierte lokale Gericht und gelangte direkt an das regionale Amtsgericht oder an die Obrigkeit. Den letzten Schlag gegen Twingherrschaften führte die Helvetik, als sie diese mit den 'Personal-Feudal-Rechten' abschaffte (Gesetz vom 4.5.1798). Die Mediation stellte Twingherrschaften nicht wieder her. Eine Entschädigung der Eigentümer unterblieb zumeist.“

Quellenangabe:
1641: Staatsarchiv Bern, http://www.query.sta.be.ch/detail.aspx?ID=58054
Funktion Twingherr“: Dubler Anne-Marie, Dr, Historisches Lexikon der Schweiz, http://www.hls-dhs-dss.ch/textes/d/D13697.php


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1642   Die Wattenwiler übertragen die Gerichtsbarkeit an Bern

Die Wattenwiler, vertreten durch Hans Cappeler, Ammann, Rudolph Trachsel, Seckelmeister, und Christen von Niderheüseren übergeben die hohe und niedere Gerichtsbarkeit und einen Viertel des Kornzehntens, die sie von ihrem letzten Twingherren erworben haben, für 1‘000 Pfund und gegen Befreiung vom Heuzehnten (ans Interlakenhaus und an den Mushafen) dem Staat Bern.

Die Aufnahme seitens Berns wird von Anton von Graffenried II besiegelt.

Die Waldungen und Allmenden gehen an die Wattenwiler über. In der Urkunde steht auch, dass im bisherigen Twingherrenhaus eine Taverne errichtet werde.

In diesem Jahr wird somit der Grundstein zum heutigen Wattenwil gelegt.

Bern entscheidet, Wattenwil als Vennergericht der Hochgerichtsbarkeit von Seftigen zu unterstellen.

Im gleichen Jahr kaufen sich auch die Blumensteiner Bauern von der Familie von Wattenwyl frei und übergeben ihrerseits die Gerichtsbarkeit der bernischen Obrigkeit.

Pohlern kauft sich bereits 1616 frei.

Quellenangabe:
Urkunde: Staatsarchiv Bern, http://www.query.sta.be.ch/detail.aspx?ID=58058.
Amacher Doris, „Blumenstein und Pohlern“; Wanderführer zu ländlicher Architektur, Seite 12. ISBN 3-85782-5.
Siegler: Anton von Graffenried, Venner zu Bern. Datierung: 27.01.1642 / 06.02.1642
Hans Braun, Historisches Lexikon der Schweiz, http://www.hls-dhs-dss.ch/textes/d/D16717.php


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Anton von Graffenried (II.) (* 21. Juli 1597 in Bern; † 20. April 1674 ebenda), war Schultheiss der Stadt Bern. Durch seine erste Gemahlin Ursula Dumoulin wurde Graffenried Inhaber der Herrschaften Carrouge und Corcelles sowie Mitherr von Mézières. Er gelangte 1621 in den Grossen Rat, war von 1625 bis 1630 Landvogt von Grandson, 1631 Heimlicher und Kleiner Rat, in den Jahren 1633 bis 1651 dreimal Venner zu Pfistern. Er wurde 1651 Salzdirektor und danach Schultheiss von Bern. 1663 war Anton von Graffenried bernischer Gesandter in Paris bei der Erneuerung der Soldallianz zwischen Ludwig XIV. und der Alten Eidgenossenschaft.

Quellenangabe:
https://de.wikipedia.org/wiki/Anton_von_Graffenried_(II.)


Urkunde, welche 1642 von den Wattenwilern, vertreten durch Hans Cappeler, Ammann, Rudolph Trachsel, Seckelmeister, und Christen von Niderheüseren und vom Venner Anton von Graffenried unterschrieben worden ist.

Quellenangabe:
Die Urkunde liegt im Staatsarchiv des Kantons Bern. Fotographie Fred und Cécile Zimmermann-Stiftung, 2017.


1659   Wattenwil erhält einen Taufstein; Einsetzung eines Pfarrers und des Chorgerichts

Im 17. Jahrhundert richtet sich das Augenmerk der Obrigkeit „gegen die sich stark um sich fressende Teufersect“ im oberen Gürbetal und trennt 1659 Wattenwil von der Kirchgemeinde Thurnen; Wattenwil wird zur selbständigen Pfarrei, um die Täufer zu bekämpfen. Der erste Pfarrer heisst Abraham Haberreuter.

Die „geringe Kirche“ Wattenwil erhält einen Taufstein. Somit müssen die Kinder nicht mehr in die entfernte Kirche in Thurnen zur Taufe gebracht werden.

Mit der kirchlichen Selbständigkeit entsteht in Wattenwil ein von Christoph von Graffenried, Mitglied des bernischen Kleinen Rates und Venner des Landgerichtes Seftigen bestätigtes Chorgericht, bestehend aus Wattenwilern – ein erster Hauch von Volksvertretung! Die ersten „Grichtsässen“ sind

Heinrich Zimmermann, Ammann
Daniel Bäler, alt Ammann
Hans Berger, Weibel
Bendicht Zimmermann
Mauritz Kräbs, Seckelmeister
Hans Studer
Jacob Trachsel
Als Chorweibel dient Peter Kornman.

Das Dorf ist noch nicht wie eine Einwohnergemeinde organisiert – somit befasst sich das kirchliche Chorgericht mit dem Vormundschafts-, Armen- und Schulwesen.

Ab diesem Jahr werden in Wattenwil auch Trauungen durchgeführt.

Quellenangabe:
Studer Robert, Pfr, „300 Jahre Kirche Wattenwil 1683 – 1983“.


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1660   Anthoni Himmbelberg, Täuferlehrer aus Wattenwil

Beim Verhör in Gefangenschaft heisst es, dass „dieser will gar nichts thun noch sich einichen wys bequemen, sonder durchaus by synem glouben blyben.“ Befragt, ob er seine Mitlehrer und Lehrjünger der Obrigkeit nennen wolle, sagt er: „Nein, ich will niemanden in Gefahr und Ungelegenheit bringen. Es wäre der Liebe nicht gemäss.“ „Wäber Anthj“, wie er im Volk genannt wird, stirbt am 25. Oktober als alter, gebrechlicher Mann im Zucht- und Waisenhaus in Bern.

Quellenangabe:
Staatsarchiv, Täuferurbar, Turmbuch Nr. 8, Blatt 10 und 35.


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1672   Wattenwil erhält einen Jahrmarkt

Auf der Alp Nünenen findet jedes Jahr am ersten Dienstag im August ein Bocksmärit statt, der natürlich mit den üblichen Lustbarkeiten begleitet ist. „Uff der Außgeschossenen Gemeindtsgnossen an dem Berg uff Nünenen hievoriges erklagen“ haben die gnädigen Herren zu Bern dies untersuchen lassen, und dabei festgestellt, dass dort „allerleÿ üppigkeiten undt kilpenen angestelt und ein unzuläßliches Leben geführt werde“. Da dieser Markt ohnehin unnötig sei, wird er am 18. Juli 1664 „abgestellt“ und damit allen künftigen Klagen ein Riegel geschoben. Der Verteiler des Verbots mit Kopien an Schwarzenburg, Wabern, Thurnen, Gurzelen und Belp zeigt etwas über die von der Obrigkeit vermuteten Ausstrahlung des Marktes!

Drei Jahre später muss die Obrigkeit feststellen, "dass dieses nit allein unnothwendige, sondern durch allerlei zusammengeloffenes Gesindtli mit Kilbi halten" und übermässigem Essen und Trinken ärgerliches gottloses Leben weitergeht, indem der Bocksmarkt einfach nach Wattenwil verlegt worden ist. Am 1. August 1667 wird dieser Bocksmarkt daher nun auch in Wattenwil energisch verboten.

Das scheint die Bevölkerung mässig zu beeindrucken: Zwei Jahre später verbietet die Obrigkeit den jeweils am ersten Dienstag im August in Wattenwil abgehaltenen Geissmärit.

Letzten Endes muss sie sich jedoch am 1. Juli 1672 geschlagen geben: Die Obrigkeit habe seit 1664 den Bocksmärit auf der Nünenen zwar bereits mehrfach verboten, weil jedoch dieser Märit nicht nur den Landleuten zum Verkauf, sondern auch den Metzgern zum Kauf solcher Ware sehr nützlich und erspriesslich sei, werde dieser Markt wieder zugelassen – allerdings soll er nicht auf der Nünenen stattfinden, sondern nach Wattenwil verlegt und so besser kontrolliert werden, jedoch ohne Gestattung einiger Üppigkeiten, Ärgernisse oder Anstössigkeiten. Der Pfarrer von Wattenwil solle dies überwachen.

1672 darf als offizielles Gründungsjahr des "Wattenwil-Märit" angesehen werden, auch wenn die Verleihung des Rechtes auf einen Jahrmarkt durch die Obrigkeit nicht ganz so freiwillig erfolgte.

Bei den Nachforschungen über den Wattenwil-Märit finden sich übrigens auch interessante Unterlagen über einen Streit zwischen dem Wattenwiler Unterdorf und Oberdorf bezüglich Standort des Märits: Nachdem zwei Jahre zuvor das Wirtshaus im Dorf – das vermutlich im Sässhaus des ehemaligen Twingherrn lag (vgl. die Bestimmungen im Vertrag vom 27. Januar 1642, F. Seftigen) – an die grosse Landstrasse verlegt worden war (altes „Gasthaus zum Bären“), wollte man nun 1682 auch den Wattenwil-Märit dorthin verlegen, wogegen sich die Besitzer von Häusern im Oberdorf wehrten und die Obrigkeit anriefen. Folge: Die Obrigkeit stimmte nur dem Markt zwischen Kreuzgasse (beim „Gasthaus zum Bären“) und dem Dorfplatz zu.

Quellenangabe:
Barthlome Vinzenz, Nachforschungen des Staatsarchivs Bern, 2016. A II 459 [RM 148], S. 612 f. A II 467 [RM 156], S. 57; A I 487 [MB 8], S. 380 f. A II 471 [RM 160], S. 204. A II 477 [RM 166], S. 328 f. A V 1103, S. 240 – 257.


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1676   Allgemeine Landschulordnung

In diesem Jahr erlässt die Berner Regierung eine erste Landschulordnung. Anton Tillier schreibt dazu in seinem Werk „Geschichte des eidgenössischen Freistaates Bern“:

„In den siebenziger Jahren schien endlich, nachdem die Meisten derjenigen, deren Leidenschaften zerstörend auf das Schulwesen eingewirkt hatten, dahin gegangen waren, ein günstiger Augenblick zur Umgestaltung und neuen Belebung dieses wichtigen Zweiges der Verwaltung gekommen, und nach mancherlei Berathungen konnte nun, nachdem man 1674 einen neuen Schulrath eingesetzt, im Frühjahre 1676 eine die Bedürfnisse des ganzen Landes umfassende, allgemeine Schulordnung von dem grossen Rathe bestätigt werden, welche in Vergleichung mit demjenigen, was an anderen Orten gleichzeitig geschah, in der That sehr ehrenvoll für die Regierung war.

In allen Kirchhören sollten an den bequemsten Orten Schulen errichtet werden, damit die Kinder von den umliegenden Dörfern und Höfen dieselben um so leichter besuchen könnten. Wo möglich sollten die Gemeinden eigene Schulhäuser haben, oder, wenn ihnen das Vermögen dazu mangelte, wenigstens solche miethen."

Zu Schulmeistern durften nur gottesfürchtige, tüchtige und durch eine Prüfung erprobte Männer genommen werden, welche den Amtsleuten und Predigern, als ihren Vorgesetzten, vorgestellt und von ihnen bestätigt werden mussten. Die Gemeinden waren angewiesen, für einen anständigen Lohn zu sorgen, das Chorgericht oder die Vorgesetzten, Jedermann deshalb zu seiner Pflicht anzuhalten.

Das Wattenwiler Dorfschulhaus wird vielleicht um 1616 gebaut – das genaue Datum muss noch erforscht werden – denn zu jener Zeit erlässt die bernische Obrigkeit ein Gebot, wonach „In der ersten Klass sol die Jugend underwiesen werden: 1. Das Heilige Vaterunser beten und die Articul des Christlichen Glaubens auswendig sprechen. 2. Alle Buchstaben deutlich underschiedenlich wol lehren erkennen, ehe sie in den Buchstaben und Sylben zusammenschlahen aufgeführt werdind.“

Quellenangabe:
von Tillier Anton, „Geschichte des eidgenössischen Freistaates Bern“, Band 4, ab Seite 479. Siehe auch http://katalog.burgerbib.ch/detail.aspx?ID=177271.


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1679   Das erbliche Bürgerrecht entsteht

Am 14. Okober 1679 verordnet die Obrigkeit „...dass ein jeder, da er sich hindersässlich befindet (d.h. da, wo er wohnhaft ist) samt den seinigen forthin ohne weiteres disputieren geduldet werden solle“.

Der eigentliche Grund dieser Massnahme ist, „das unwürdige Abschieben von Armen zu verhindern.“

Im gleichen Text wird festgehalten, dass, auch wenn einer seinen Wohnsitz aufgebe, „ihm aber gleichwohl samt allen seinen kinderen das hejmatrecht verbleiben solle, was durch einen ‚Heimatschein‘ zu bezeugen wär.“ Somit ist das persönliche bleibende und erbliche Heimatrecht resp. Bürgerrecht auch im ländlichen Gebiet geschaffen, das es bis anhin nur in den Städten gibt.

Mit der „Heimatgemeinde“ ist ein erster Schritt in Richtung „Burgergemeinde“ getan: Man beginnt nun auch auf dem Land von „Burgern“ zu sprechen! Hingegen wird erst im Gemeindegesetz von 1833, welches aufgrund der neuen Staatsverfassung von 1831 erlassen wird, die „Burgergemeinde“ als Institution aufgeführt.

Quellenangabe:
Wälchli Karl .F, Dr, Staatsarchivar, Bern, „Die bernischen Burgergemeinden als Heimatgemeinden“, Referat anlässlich 50 Jahre Verband bernischer Burgergemeinden und burgerlicher Korporationen, Thun, 7.6.1997.


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1683   Erweiterung der Kirche in Wattenwil

Gemäss Pfrundurbar von 1664 ist Wattenwil zu einer „ansehliche Gmeind“ geworden. Der Wunsch nach einem geräumigeren Gotteshaus ist gross. Unter Pfarrer Daniel Rohr wird zur Tat geschritten. Abraham Dünz der Ältere, welcher bereits viele Kirchenbauten im Staat Bern geplant und beaufsichtigt hat, wird mit der Kirchenerweiterung in Wattenwil beauftragt.

Quellenangabe:
Studer Robert, Pfr, „300 Jahre Kirche Wattenwil 1683 – 1983“.


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1685   Widerruf des Ediktes von Nantes – französische Protestanten fliehen nach Bern

Der König von Frankreich, Ludwig XIV., verbietet die Ausübung des reformierten, protestantischen Glaubens in seinem Land mit der Behauptung, die meisten Anhänger des Protestantismus seien ohnehin wieder zum Katholizismus rückkonvertiert, nachdem er sie seit 1661 massiv verfolgt und unterdrückt hat respektive nun auch aus dem Lande vertreibt.

Tausende von französischen Reformierten, auch „Hugenotten“ genannt, fliehen in die damals bernische Waadt und in den deutschsprachigen Teil von Bern; man spricht vom „Grand Refuge“ – der grossen Zuflucht – in Bern.

Seit Jahrzehnten kämpft der Staat Bern gegen Armut und Landstreicherei. Nun kommen auch noch die französischen Glaubensflüchtlinge dazu! Sie bilden jedoch eine besondere Gruppe in der Schar von Landsassen, Naturalisierten und Inkorporierten – also der nicht einheimischen Bevölkerung: Die Hugenotten organisieren sich selber und errichten Institutionen mit eigenen Armenfonds, den „Bourses françaises“, die die Flüchtlinge in und auf der Durchreise durch die Eidgenossenschaft unterstützen.

Was der Staat Bern gar nicht so ungern sieht: Die Hugenotten sind zum Teil wohlhabend, kennen Handel und Handwerk, sind somit für die wirtschaftliche Entwicklung des Kantons interessant – zahlreiche Hugenotten werden in der Stadt Bern und im Bernbiet sesshaft.

Weit mehr aus Frankreich Vertriebene ziehen jedoch weiter und verlassen die Eidgenossenschaft. Wattenwil figuriert im deutschen Ortsverzeichnis von Wilhelm Beuleke als Herkunftsort von Hugenotten. Viele ziehen in das vom Dreissigjährigen Krieg versehrte Brandenburg. Ob Hugenotten in Wattenwil geblieben sind, bleibt abzuklären.

Quellenangabe:
1685: http://www.museeprotestant.org/de/notice/das-edikt-von-fontainebleau-oder-die-revokation-1685/
Dubler Anne-Marie, Dr, „Die Landsassenkorporation – ein Armenpflegeverband als virtuelle Gemeinde: Wie der Staat Bern im Ancien Régime die Heimatlosigkeit überwinden wollte“, Aufsatz in der Berner Zeitschrift für Geschichte, Heft 4, 2009.
Arbeitskreis Genealogie der DHG, Arbeitshilfe Ortsverzeichnis, „Ortsverzeichnis der Herkunftsorte der Hugenotten in Frankreich von Wilhelm Beuleke, bearbeitet von Siegfried Fouqué, 02.04.2008.


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1690   Verschärfte „Bettlerordnung“

Mit der „Bettlerordnung“ von 1690 verschärft die Berner Regierung die Vorschriften für die Gemeinden, Arme zu unterstützen und die Bettelei zu bekämpfen. Offensichtlich reichen frühere diesbezügliche Verordnungen nicht, um die Not zu meistern. Berichte über jene Zeit malen ein erschreckendes Bild über die Zustände im Kanton und die Hilflosigkeit der Regierenden.

Quellenangabe:
Jenni, Bern, 1825; „Die Verarmung des Landvolks im Canton Bern, aus ihren ersten Ursachen erklärt". Freies Google E-Book.


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1692   Armut in Wattenwil

Im einem vom Wattenwiler Pfarrer Jakob Rubin im Jahr 1692 verfassten Bericht steht, dass in jenem Jahr „...die Gemein sehr stark an volk gewesen, also dass uff 185 haushaltungen sind gezelt worden, aber wegen der thüren Zit viel arme darunter, so weit, dass eine Gnädige Obrigkeit aus mitleiden unss eine schöne stür gegeben, nemblich 4 Mütt dinkel und 4 Mütt haber, welche wir den armen in Mähl aufzutheilen gut funden“.

Quellenangabe:
Jacob Rubin, 1692, Pfarrer in Wattenwil von 1686 – 1730. Sein Bericht im Knopf des Kirchturms Wattenwil.


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1706   Heinrich Zimmermann wandert mit seiner Familie nach Amerika aus

Heinrich Zimmermann, Sohn der Eheleute Heinrich Zimmermann und Anna Megert, wohnhaft in Wattenwil, wandert mit seiner Ehefrau Salome Rufener aus Blumenstein und den beiden Söhnen Emanuel und Gabriel nach Pennsylvanien in Nordamerika aus und lässt sich dort in Germantown, im Lancaster County, nieder. Heinrich Zimmermann ist Arzt und praktiziert auch in Amerika, wo er mit der Zeit grosse Ländereien erwirbt.

Viele seiner Nachkommen werden in den Kolonien zu Berühmtheiten, insbesondere sein Sohn Emanuel, der noch in Wattenwil geboren wurde und welcher in Pennsylvanien als Friedensrichter, Abgeordneter in der Provinzialversammlung und später als Gerichtspräsident amtet. Er stellt sich im amerikanischen Unabhängigkeitskrieg auf Seiten der Amerikaner gegen England, befreundet sich mit Benjamin Franklin und ist mit Bestimmtheit der einzige Wattenwiler, welcher mit General Washington und dem Marquis de Lafayette im „Black Bear Inn“, dem „Gasthaus zum Schwarzen Bären“, in Lancaster sitzt und ein Festmahl einnimmt, wie uns seine stolzen Nachfahren berichten.

Die Zimmermanns in Amerika behalten ihr Wattenwiler Heimatrecht noch während 4 Generationen. Heute nennen sie sich „Carpenter“.

Quellenangabe:
Sammlung Bernischer Biographien. Herausgeber: Historischer Verein des Kantons Bern, 1903,
http://www.e-rara.ch/bes_1/content/pageview/11534614
Carpenter Seymour D., Dr, „Genealogical Notes of the Carpenter Familiy“, Boston Public Library
https://archive.org/stream/genealogicalnote1907carp#page/n5/mode/2up


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1725   Wattenwil wird unter Bann gesetzt

Bereits aus Bestimmungen aus dem 17. Jahrhundert haben die Gemeinden die Pflicht, Kahlschläge im Staatswald aufzuforsten – nur befolgen sie diese kaum. Die Obrigkeit ihrerseits will auch nichts investieren und versucht es mit Erlassen.

In diesem Jahr verschärft die Regierung die Waldordnung für den deutschsprachigen Teil Berns und bannt den Bremgartenwald, einen Bezirk im Amt Schenkenberg und die Wälder am Oberlauf der Gürbe, die Gemeinde Wattenwil, den Gurnigel und die Giebelegg, denn in diesen Gegenden ist das Wildern zur Gewohnheit geworden!

„Die Jagd solle zur Abwechslung und Erholung, nicht zum Erwerb dienen“ - so steht es im Mandat zu lesen. Die Regierung verfügt verschiedene Massnahmen, um den Verkauf von Fleisch aus Jagden zu erschweren.

Über den Wildbestand in jener Zeit ist wenig bekannt. Überliefert ist, dass im 18. Jahrhundert der Bär in den Bergen und der Wolf in den Wäldern anzutreffen ist. Hirsche, Rehe und Luchse sind rar geworden. Die Jagden konzentrieren sich auf Füchse, Hasen und Enten, hin und wieder auf ein Wildschwein.

Quellenangabe:
Feller Richard, Professor, „Geschichte Berns“, Band 3, 2. Teil, Kapitel VI, 5. „Der Wald und die Jagd“, ab Seite 538. http://www.e-periodica.ch


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1757   Einsturz des Wattenwiler Jungwaldes

In der Berner Chronik von 1701 – 1706 steht für das Jahr 1757 zu lesen: „In der Gemeind Wattenwyl ist ein Wald, der Jungwald, mit schönen, jungen Tannen eingesunken, da die Erd sich aufgethan und eine schreckliche Kluft aufgemacht, darinnen die Tannen übereinander liegen und lang niemand sich hat unterstehen dürfen, das Holz aufzumachen. Der Schaden dieser Gemeind wird auf 10‘000 Gulden geschätzt.“

Das Gebiet im Burgerwald liegt zwischen der Gold- und Steinegg. Umgerechnet in die heutige Währung beträgt der damalige Schaden bis zu einer halben Million Franken.

Walter Zimmermann vermerkt, dass sowohl das Terrain wie der Einsturz an sich auch für Geologen sehr rätselhaft sei. Er vermutet, dass im Untergrund gewaltige Höhlen zusammengebrochen seien, denn mit Rutschungen könne man sich diese Terrain-Bewegung nicht erklären.

Quellenangabe:
Blätter für bernische Geschichte, Kunst und Altertumskunde, Heft 4, Dezember 1913: „Berner Chronik von 1701-1761“, mitgeteilt und mit Anmerkungen versehen von a. Oberlehrer J. Sterchi, Bern
Zimmermann Walter, „Prähistorische Streifereien in der weiteren Umgebung von Thun“ in "Bernische Geschichte, Kunst und Altertumskunde", März 1927; ETH-Bibliothek, Zürich


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1780   Verordnung über Landsassen

Seit jeher gibt es Gaukler, Wahrsager, Taschenspieler, Musikanten, Pilger, Tagträumer, Bettler oder sonst Menschen, die keiner geregelten Beschäftigung nachgehen (können); sie ziehen von Ort zu Ort, werden nirgends sesshaft – sind heimatlos.

Fehlende Fähigkeiten resp. Arbeitsmöglichkeiten verstärken das Problem. Unter dem Sammelbegriff „Landsteicher“ sind Männer, Frauen und Kinder gemeint, die ihr Leben auf diese Art und Weise fristen (müssen), daraus einen Beruf statuieren und ihn an ihre Nachkommen vererben. Insbesondere zur Zeit der Reisläuferei und späteren Militärdienste für fremde Herrscher nimmt das Landstreichertum stark zu: Kranke, verstümmelte, arbeitsscheue Söldner kehren heim, betteln und rauben, wie sie es in der Fremde gelernt haben. Diese heimatlosen Menschen werden zu einer eigentlichen Landplage. Auch die Wattenwiler sind in der Region für Bettelei bekannt.

Die bernische Obrigkeit versucht mit mehreren Anläufen, dem Problem der Heimatlosen Herr zu werden.

In diesem Jahr erlässt sie die „Hochobrigkeitliche Verordnung die inkorporierten Landsassen betreffend“, mit der eine Landsassenkorporation errichtet wird. Alle Heimatlosen werden unter diesem Begriff erfasst. Ihnen wird anstelle des Heimatscheines ein Korporationsschein ausgestellt, welcher die gleiche Wirkung hat wie ein Heimatschein. Das erwünschte Ziel wird jedoch nicht erreicht und die Zahl der Heimatlosen nimmt weiter zu.

Quellenangabe:
„Hochobrigkeitliche Verordnung die inkorporirten Landsassen betr.“, 1780; Signatur: 1136591 4 Anat. 8#Beibd.9 1136591 4 Anat. 8#Beibd.9 Permalink: http://www.mdz-nbn-resolving.de
http://reader.digitale-sammlungen.de/de/fs1/object/display/bsb10330628_00002.html
Peter Schneider, Burgerschreiber a.D., Diessbach bei Büren, „Gedanken eines pensionierten Burgerschreibers“.


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1786   Neue Forstordnung

Eine neue Forstordnung tritt in Kraft, die die früheren Richtlinien verschärft. Unerlaubte Rodungen und die Ausfuhr von Holz, Torf und Kohle werden untersagt, die Ware eingezogen und mit ihrem dreifachen Wert gebüsst. Jagen darf nur, wer ein Recht dazu besitzt.

Vom 1. Mai bis 1. Oktober darf im Wald kein Holz geschlagen werden. Der Verbrauch von Holz soll mit bestimmten Massnahmen eingedämmt werden, wie zum Beispiel mit dem Bau von Häusern aus Mauerwerk oder Flussschwellen aus Steinen und Kies anstatt aus Stammholz. Es erfolgen auch verschiedene personelle Einsätze zur Kontrolle dieser Massnahmen ‐ doch dies alles bringt nicht viel, da die Obrigkeit weiterhin finanzielle Investitionen in eine richtige Forstwirtschaft scheut.

Quellenangabe:
Stuber Martin, „Wälder für Generationen“, Seite 37ff.


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1798   Aus dem Bürgerregister

Welche Berufe werden in diesem Jahr in Wattenwil ausgeübt?
195 Bauern, 1 Hufschmied, 21 Zimmerleute, 1 Wirt, 12 Schneider und Schuhmacher, 1 Ziegler, 11 Beamte (Munitz), 1 Weibel, 6 Küffer, 1 Sattler, 6 Maurer, 1 Messerschmied, 4 Sager, 1 Salzauswäger, 2 Schulmeister, 1 Weber, 2 Müller, 1 Schreiner, 2 Fuhrmänner, 1 Gemeindeschreiber, 2 Wagner, 1 Stampfer, 2 Öler, 1 Metzger, 2 Dünkelbohrer, 1 Harzer, 2 Hächler, 1 Dreher, 2 Deck, 1 Uhrmacher, 2 Nagelschmiede, 1 Vikar, 2 Korber, 1 Gerber, 1 Agent, 1 Kacheliträger, 1 Doktor, 1 Giesser, 1 Distriktsrichter, 1 Glaser, 1 Maler; gesamthaft 299 Berufsleute.
Autarkes Wattenwil?
Die Franzosen sind in unser Land eingefallen. Das Alte Bern ist Vergangenheit. Politische Umbrüche finden statt. Die Zukunft ist ungewiss. Zur Situation auf dem Lande scheint jedoch das Gedicht, welches der vor über 20 Jahren verstorbene Albrecht von Haller über den Bauernstand schrieb, immer noch zu passen. Aber wie ist das nun mit der Armut?

„Elende, rühmet nur den Rauch in grossen Städten,
Wo Bosheit und Verrat im Schmuck der Tugend gehen.
...
O selig, wer wie ihr, mit selbstgezognen Stieren
Den angestammten Grund von eignen Äckern pflügt;
Den reine Wolle deckt, belaubte Kränze zieren,
Und ungewürzte Speis aus süsser Milch vergnügt.
...
Wohl dir, vergnügtes Volk, o danke dem Geschicke,
Das dir der Laster Quell, den Überfluss vesagt.
Dem, den sein Stand vergnügt, dient Armut selbst zum Glücke,
Da Pracht und Üppigkeit der Länder Stütze nagt.
Als Rom die Siege noch bei seinen Adlern zählte,
War Brei der Helden Speis und Holz der Götter Haus.
...
Zwar die Natur bedeckt dein hartes Land mit Steinen,
Allein dein Pflug geht durch und deine Saat errinnt.“

Albrecht von Haller

Quellenangabe:
Hadorn Alfred, Peter Herzog „Die andere Sicht von Wattenwil 1967 – 2014“, Wattenwiler Chronik des Ortsvereins Wattenwil, Jahr 1974.
Gedicht von Haller: Zitiert aus Zopfi Hans, „Das Selbstbewusstsein des Bauern“, Berner Zeitschrift für Geschichte und Heimatkunde, Band (Jahr) 23.
Albrecht von Haller (* 16. Oktober 1708 in Bern; † 12. Dezember 1777 ebenda) war Mediziner, Botaniker und Wissenschaftspublizist, zitiert aus seinen „Alpen“.


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1816   Folgen des Ausbruchs des Vulkans Tambora in Indonesien

Der Vulkanausbruch des Tambora in Indonesion von 1815 verursacht weltweit verheerende Klimaschwankungen. Man spricht vom „Jahr ohne Sommer“. Grosse Teile der Ernte fallen aus und die noch nicht korrigierte Gürbe überschwemmt das Talgebiet, mit Hungersnot als Folge. Die Auswirkungen spürt man noch Jahre danach.

Vom Berner Historiker Daniel Krämer vernehmen wir, wie sich die Menschen hierzulande von Kartoffelschalen oder Schnecken ernähren, Nesseln aufkochen und im Sommer mit dem Vieh auf der Weide grasen – die Ostschweiz trifft es besonders hart. Unzählige Wattenwilerinnen und Wattenwiler fliehen als Wirtschaftsflüchtlinge ins Ausland.

Quellenangabe:
Krämer Daniel, „Menschen grasten nun mit dem Vieh“. Die letzte grosse Hungerkrise der Schweiz 1816/17.2015.


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1822   Felix Mendelssohn-Bartholdy besucht Wattenwil

Der berühmte deutsche Komponist bereist die Schweiz. Jahre später schreibt er in einem Brief aus Chateau-d‘Oex, dass er seinerzeit Wattenwil als idyllischen Ort kennen gelernt habe.

Quellenangabe:
Schuler Peter, Vortrag zur Eröffnung der Ausstellung „Gottfried Lüscher 1881 – 1975“ im Ortsmuseum Wattenwil, 31.08.2007.


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1831   Die neue Staatsverfassung und das Gemeindegesetz definiert drei Gemeindetypen

Mit der Staatsverfassung von 1831 und dem Gemeindegesetz von 1833 werden die drei Berner Gemeindetypen „Einwohnergemeinde – Burgergemeinde – Kirchgemeinde“ verankert. Verschiedene Artikel befassen sich mit den Burgergemeinden, wie zum Beispiel, dass sie bestehen bleiben, sofern Burgergüter vorhanden sind, und sie allein befugt sind, neue Burger aufzunehmen.

Quellenangabe:
Wälchli Karl .F, Dr., Staatsarchivar, Bern, „Die bernischen Burgergemeinden als Heimatgemeinden“, Referat anlässlich 50 Jahre Verband bernischer Burgergemeinden und burgerlicher Korporationen, Thun, 7.6.1997.


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1834   Bau des Schulhauses in der Stockeren

Das Stockerenschulhaus - später im Volksmund "Stockere Gymnasium" genannt - wird gebaut.

Quellenangabe:


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1850er Jahre   Hungersnot, weiterhin Auswanderungen

Zum zweiten Mal in diesem Jahrhundert herrscht Not in unserem Land. Das Getreide will nicht reifen, Kartoffeln verfaulen. Harte Winter. Hohe Lebensmittelpreise. Ein weiteres Mal findet eine Auswanderungswelle aus Wattenwil statt, hauptsächlich nach Amerika.

Quellenangabe:


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1848   Gründung des Männerchores Wattenwil

Die Eidgenossenschaft wird zum Bundesstaat. Die von den Ideen des Freisinns geprägte Regierung fördert das Vereinswesen, weil sie darin eine Möglichkeit der Schulung in direkter Demokratie und zur Pflege der Vaterlandsliebe sieht.

Die Bürger sind stolz auf ihr neues Recht auf Vereinsgründungen, das anderen Völkern noch vorenthalten bleibt. So gründet eine Gruppe Männer in Wattenwil den Männerchor. Er ist der erste und somit älteste Verein in unserer Gemeinde, welche heute unter dem Namen "Wattenwil-Chor" das Singen und Theateraufführen pflegt.

Quellenangabe:
Niederhauser Hans, „Brüder auf, mit frohem Sange!“, Jubiläumsschrift 1998.

Statuten des "Wattenwil-Chor", 2016.


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1854   Ausscheidungsvertrag zwischen Burger- und Einwohnergemeinde

Die Burgergemeinde kommt durch einen Ausscheidungsvertrag mit der Einwohnergemeinde, mit einem Zusatz von 1855, in den Besitz der Waldungen und Allmenden. Im Gegenzug übernimmt die Burgergemeinde Holzlieferpflichten (Kirche, Pfarrhaus, Schulen), finanzielle Abgeltungen und Armenbeiträge.

Der Burgerwald-Perimeter liegt oberhalb des Dorfes am nordöstlich orientierten Hang zum Gurnigel. Die südliche Grenze bildet der Gürbegraben. Der tiefste Punkt liegt im Längmoos auf 621 Meter über Meer, der höchste Punkt auf 1‘329 Meter über Meer im Gurnigelwald. Die Waldungen umfassen 584 Hektaren.

In der 2. Hälfte des 19. Jahrhunderts wird vor allem regellose Plenterung und Kahlschlagwirtschaft betrieben. Danach stellt man im unteren Teil der Waldungen langsam auf Femelschlagbetrieb um, längere Zeit begleitet von Absäumungen; im oberen Teil geht man zu einem geregelten Plenterbetrieb über.

Aufgrund des Ausscheidungsvertrages übernimmt die Burgergemeinde auch die mit einem oberschlächtigen Wasserrad angetriebene Rainsäge. Als Wasserreservoir dient der unterhalb der Staffelalp angelegte „Sagiweier“.

Quellenangabe:
Peter Bachmann, „Wald und Wasser“, 2009, Kapitel 1, 1.3 Entwicklungen im Gemeindewald.


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1855   Gürbegesetz von 1854. Beginn der Gürbeverbauung

Im Gürbetal herrschen nicht die besten Voraussetzungen für eine prosperierende Entwicklung der Siedlungen: Die mäandrierende Gürbe mit ihren Hochwassern sowie Schilf-, Moos- und Sumpfgebiete beeinträchtigen die Besiedlung und die landwirtschaftliche Nutzung. So erstaunt es nicht, dass Armut und Schnapselend ebenso zum Gürbetal gehören wie die steten Versuche, dem Wasser Herr zu werden und das Land als Ackerfläche nutzbar zu machen.

Waldfrevel und gezielte Waldrodungen verschärfen die Situation. Gegen Mitte des Jahrhunderts steigt der politische Druck. Im Dezember 1854 genehmigt der Grosse Rat in Form eines Dekrets das „Gürbegesetz“. Mit diesem übernimmt der Kanton die Planung und die Leitung der Gürbekorrektion. Schon im Jahr darauf erfolgt der Beginn der Arbeiten.

Quellenangabe:
Hans Egger, „Die Gürbe und ihr Tal“, Berner Heimatbücher, Paul Haupt Verlag, 1958.
Bericht zur Ausstellung „Die Gürbe gestern – heute – morgen“ von Erika Jaun in der Wattenwiler Post 2009/3.


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1859   Neues Dorfschulhaus

An Stelle des alten Schulhauses wird neben der Kirche ein neues, mehrstöckiges "Dorfschulhaus" gebaut.

Quellenangabe:


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1860   Waldwirtschaftsplan

In diesem Jahr werden sämtliche Gemeinden gesetzlich verpflichtet, durch einen Förster einen Waldwirtschaftsplan erstellen zu lassen und diesen dem Regierungsrat zur Genehmigung vorzulegen. Solange ein Plan fehle, sei die Administration ermächtigt, bei nicht nachhaltiger Waldnutzung einzugreifen. Die Reform erfolgt schliesslich auch in der Forstverwaltung selber. Mit der lange erwarteten Waldbauschule, regelmässigen Kursen für Bannwarte und einem neuen Prüfungsreglement für Förster versucht man, den Ausbildungsstand der Forstbeamten auf allen Stufen zu verbessern.

Weiter baut man die staatlichen Pflanzschulen derart aus, dass sie jährlich fast eine Million Setzlinge an Private und Gemeinden abgegeben können. Schliesslich erstellt man in mehrjähriger Arbeit eine detaillierte Forststatistik für sämtliche Wälder des Kantons, welche Flächen, Betriebsarten, Eigentumsverhältnisse, Produktion und Ertrag amtsbezirksweise erfasst.

Dieses Gesetz ist Ausgangslage für eine intensive Beschäftigung mit dem Wald, die bis in die heutige Zeit andauert - Waldwirtschaftspläne regeln seither die Bewirtschaftung des Wattenwilerwaldes.

Quellenangabe:
Pfister Christian, aus „Im Strom der Modernisierung“, Seite 189.
http://biblio.unibe.ch/digibern/gesch_kant_bern_seit_1798_bd_04_im_strom_der_modernisierung.pdf, Seite 189.


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1865   Kantonnementsvertrag

Abschluss des Kantonnementsvertrages zwischen dem Staat Bern und den acht holznutzungsberechtigten Einwohnergemeinden Uetendorf, Thierachern, Forst, Längenbühl, Uebeschi, Kienersrüti und Stoffelsrüti, Gurzelen und Seftigen betreffend den Oberen Gurnigelwald, Kirchgemeinde Thurnen. Das Gebiet grenzt an den Wattenwilerwald.

Interessant daran ist der Hinweis auf frühere Besitzverhältnisse, wonach der Staat seit alters her im Besitz des ganzen oberen Gurnigelwaldes ist, jedenfalls vor 1803, dem Zeitpunkt der Einführung der ehemaligen Untergerichte, ohne jedoch dafür eine Eigentumsurkunde vorweisen zu können. Ohne Zweifel sei er in den Besitz des Waldes teils durch die Säkularisierung des Klosters Rüeggisberg gelangt – an das zu seiner Zeit ein grosser Teil dieses Waldes durch eine Schenkung von Kaiser Heinrich IV. im Jahre 1076 fiel – und zum anderen Teil durch den Ankauf der Herrschaft von Wattenwil im Jahre 1642.

Quellenangabe:
Breitner Otto, Dr phil., „Aus der Geschichte des obern Gurnigelwaldes", Verlag: Buchdruckerei Geschäftsblatt AG, Thun; Publikation nach 1927 (Referenz Freiburger Geschichtsblätter, Band 23, Seite 51).
Staatsarchiv Bern, http://www.query.sta.be.ch/detail.aspx?ID=362581.


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1866   Gemeinnütziger Verein Wattenwil

Der im Jahr 1866 gegründete Gemeinnützige Verein Wattenwil unternimmt es noch im gleichen Jahr, die „burgerliche Behörde von Wattenwyl auf die Notwendigkeit einer rationelleren Waldwirtschaft aufmerksam zu machen“:

„Ein populäres Referat des tüchtigen Fachmannes [Förster und ETH-Absolvent] Simon über diesen Gegenstand wurde auf Kosten des Vereins durch den Druck veröffentlicht und dem hiesigen Burgerrate in einem besonderen Schreiben zur Berücksichtigung empfohlen. Ohne Zweifel gab diese Schrift den Anlass, dass die Burgergemeinde die Vorteile eines Waldwirtschaftsplanes, wie ihn das Gesetz vom Jahre 1860 verlangte, begriff und ihn in den folgenden Jahren zur Ausführung brachte.

Die damit betrauten Männer, Forsttaxator Uhlmann und Geometer Bettschen, hielten später im Schosse des Vereins weitere belehrende Vorträge über das Forstwesen im allgemeinen und die Verbesserung der hiesigen Wälder im besonderen.“

Auch in vielen anderen Bereichen wurde der Gemeinnützige Verein sehr schnell aktiv, insbesondere in der Information über politische Ereignisse und Entwicklungen, in der Bekanntgabe neuer Erkenntnisse in der Landwirtschaft und Ernährung, aber auch im Kampf gegen die weit verbreitete Trinksucht.

Quellenangabe:
Glur Werner, Pfarrer, „Thätigkeits-Bericht des Gemeinnützigen Vereins Wattenwyl, 1866 – 1896“.


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1868   Gründung des Frauenvereins Wattenwil

In ihrer Festrede zum 75-jährigen Bestehen des Frauenvereins Wattenwil sagt Frau J. Schuler, Präsidentin des Vereins, im Jahr 1943:

"Wi nes di erschti Zyt im Froueverein gangen isch, wüsse mir nume us em Bsinne vo üsne eltischte Mitglider. Es paar Froue, mir wüsse sogar ihrer Näme, wo gseh hei, wi ds Eländ i üsem Dorf gross isch gsy u wo gschpürt hei, dass Frouehilf nötig wär, hei 1868 der Verein gründet. 11 Manne hei 1866 der Gmeinnützig Verein i ds Läbe grüeft u hei müglecherwys di Froue aagregt mitzhälfe uf ihri Art u Wys, denn zwöi Jahr speter läbt scho üse Froueverein u wird vom rychere Brueder unterstützt.

Mir dörfe di Froue, wo dennzumale der Muet gha hei, e Verein z gründe zum Wohl vo ihrne Mitbürger, u Zyt u Chraft für se häre z gä, hütt wohl e chli ehre. Drum hei mer ihrer Näme gsuecht u wei nen es Chränzli winde:

Gründerinnen des Frauenvereins Wattenwil:
Magdalena Bähler, alt Wirtin, Bärestock
Elisabeth Krebs, Bären
Elisabeth Bähler, Pinte
Susanna Krebs, Grebi
Anna Wenger, Obmanns
Susanna Künzi, Rüdli
Anna Portner, Mettlen
Anna Kappeler, Mettlenpinte"

Quellenangabe:
Festrede von Frau J. Schuler-von Bergen anlässlich der Jubiläumsfeier "75-Jahre Frauenverein Wattenwil", 1943.


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1879   Aufteilung des Wattenwiler Burgerlandes

In Wattenwil findet am 24. Dezember, morgens um 8.00 Uhr, im Wattenwiler Dorfschulhaus eine Burgerversammlung statt, an welcher über die Aufteilung des Burgerlandes unter den Burgern verhandelt wird.

Wir zitieren aus dem Protokoll der Burgergemeinde vom 24. Dezember 1879:

"Nach geltendem Recht darf das Burgergut nicht unentgeltlich unter den Burger verteilt werden, das heisst, dass eine Vermögensverminderung verfassungswidrig ist; andererseits erwartet man eine Verfassungsänderung, mit welcher die „Überführung der Burgergüter zu Schul- oder anderen Zwecken“ umgesetzt werden soll.

So wollen die Wattenwiler Burger aktiv werden, 'bevor die gegenwärtige Gesetzgebung geändert wird und der Staat sich in unsere Sachen mischt, zur gegenwärtigen Zeit, wo wir noch frei schalten und walten können, insofern unsere Burgergutsrechnung keine Vermögensverminderung ausweist.'

Der Vorschlag des Burgerrates zum weiteren Vorgehen lautet: 'In den Burgergutsrechnungen ist als Wertbestimmung für das Allmendland die Grundsteuerschatzung angenommen. Wenn nun die Burgergemeinde den einzelnen Nutzungsberechtigten das Land um die Grundsteuerschatzung verkauft, so vermindert sie das Vermögen nicht, indem statt der Liegenschaft dann die von den Burgern schuldigen Kaufpreise als Kapitalien in‘s Vermögen aufgenommen werden. [..] Die von den Burgern schuldigen Kaufpreise müssen verzinst werden, etwa zu 4 % [kündbar auf 3 Monate].'

Mit 46 gegen 12 Stimmen beschliesst die Burgerversammlung die Annahme der 17 Anträge, die den Verkauf des Burgerlandes an sie regeln, so dass jeder der ca. 460 nutzungsberechtigten Burger eine Jucharte Land erhält, wonach 'das Land in Stücken von halben Jucharten neu vermessen, numeriert in 3 Klassen gutes, schlechtes und mittleres Land eingeteilt und verlost wird. Jeder losberechtigte Burger soll eine gute und eine schlechte halbe Jucharte oder zwei mittlere erhalten'.

Das Burgerland ist über die ganze Gemeinde verteilt: In der Ey, im Aftermoos, Vogelsang, Breitmoos, in der Vorderen Weite, im Mettlenboden, Schibenrain, Schwand, Rüttitannenboden und auf dem Zelgli. Dazu kommt ungefähr gleichviel weniger wertvoller Boden auf der oberen und äusseren Weid. " < hr> Ein Abschnitt im Protokoll sagt viel über die Zustände in Wattenwil in der 2. Hälfte des 19. Jahrhunderts aus:

„Unsere Gemeinde ist sehr stark bevölkert und arm. Warum ist sie stark bevölkert? Weil diejenigen Burger, welche hier wohnen, Burgernutzen haben, weil das Burgerland die Burger an die Scholle bindet, so dass viele hier wohnen und sich auf ihrem Burgerlande geradzu ergeben und nichts anderes anzufangen wissen, während sie vielleicht an einem anderen Orte ihre viel bessere Existenz hätten.

Was würde die Aufteilung [des Burgerlandes] in dieser Beziehung für Vorteile bringen?

Viele würden ihr Land verkaufen und mit dem Mehrerlös des Landes entweder nach Amerika auswandern oder an einem anderen Orte sich eine Existenz gründen, und was ebenso wichtig ist, diejenigen, welche fort sind, würden nicht wieder kommen, wenn sie nichts mehr zu erwarten haben, als die zwei kleinen Lose Holz.

Gerade bei der gegenwärtigen schlimmen Zeit ist dies sehr zu befürchten, indem von allen Seiten Briefe eingehen um Unterstützungen, mit der Androhung, sie werden hierher kommen, um das Recht zu nutzen. Dass unsere Gemeinde arm ist, hängt auch wieder mit dem Burgernutzen zusammen, aus Gründen, die bereits aus dem Gesagten hervorgehen. Wenn sich jemand einzig auf das Burgerland stützt, dasselbe vielleicht nicht einmal gehörig bearbeitet oder sogar um halb Geld verpachtet und sonst nichts anzufangen weiss, muss verarmen, und es trifft auch das Sprichwort zu: „Burgergut ist die Quelle von Armut“, wie es auch zum grössten Teil bei anderen Burgergemeinden zutrifft. Lasset uns drum die Quelle der Armut verstopfen.

Das Burgerland wird zu einem grossen Teil nicht gehörig bearbeitet und in Folge dessen ist der Ertrag sehr gering. Das Land könnte oft das fünffache abtragen. Ist es aber nicht jammerschade, das Land auf diese Weise zu vernachlässigen, während daneben hunderte von Menschen Hunger leiden und viele als Bettler die Gegend durchstreifen, während ihr Land daheim unbearbeitet bleibt?

Es ist wirklich bemühend, Land in der schönsten Lage in so elendem Zustande anzuschauen und mit der herrschenden grossen Not zu vergleichen.

Würde die Aufteilung in dieser Beziehung gute Wirkungen haben?

Ja, allerdings. Das Land würde nach und nach ins Eigentum von Leuten übergehen, welche arbeiten und fleissig sind und denen es daran gelegen ist, sich rechtschaffen durchzubringen. Richtig ist, dass ein Teil der Burger, gross ist die Zahl aber nicht, das Land auch wenn es Eigentum ist, nicht gehörig benutzen und vielleicht nicht lange behalten werden. Allein dies sind diejenigen, welche auch gegenwärtig von ihrem Allmendrecht nichts ziehen, welche dasselbe oft jahrelang zum voraus weiter verpachten. Diese Leute haben jetzt nichts und haben nachher nichts und mit denselben sind wir immer schlecht daran, doch ist eher Hoffnung vorhanden, dass sie wegziehen oder notgedrungen sich einer andern Beschäftigung zuwenden, wenn sie kein Land mehr haben. Übrigens, wer das Land nicht selbst bearbeiten will, braucht auch keines, und es ist gar nicht zu bedauern, wenn dieses Land ins Eigentum von fleissigen und arbeitsamen Leuten übergeht.

Wir wiederholen, dass die Zahl der Leute, von denen wir soeben gesprochen, hoffentlich nicht gross ist. Allein auch in Bezug auf diese Klasse von Leuten wird die Aufteilung mehr Vorteile bringen. Die guten Folgen, welche die Aufteilung des Landes in Bezug auf dessen Bearbeitung hat, sieht wohl jeder ein. Das durch Gräben, Steinhaufen, Gestrüpp etc. verunstaltete Land würde nach und nach in schöne Wiesen und Äcker umgewandelt und unsere Gegend würde bald ein blühendes und schöneres Ansehen bekommen, auch hätten wir nicht mehr das beschämende Gefühl, so viele Notleiden zu haben, während die in der Erde schlummernden, für hunderte hinreichende Produkte, durch unsere Untätigkeit für immer vergraben bleiben.“


In diesem Jahr 1879 unterzeichnen die Einwohner- und die Kirchgemeinde einen Ausscheidungsvertrag, gestützt auf das bernische Kirchengesetz von 1874. Details des Vertrages sind nicht bekannt, da er leider nicht mehr auffindbar ist. Solche Verträge regelten, wem die Friedhöfe oder die Turmuhren gehören und bei welchen bürgerlichen Anlässen die Kirche benutzt oder die Glocken geläutet werden. Aus einer Protokollnotiz von 1929 geht hervor, dass die Turmuhr früher der Einwohnergemeinde gehörte.

Quellenangabe:
Trachsel Adolf, Burgerschreiber, Transkript/Auszug aus dem Protokoll der "reglementarischen Versammlung der Burgergemeinde Wattenwyl, Mittwoch, 24. Dezember 1879. Morgens 8 Uhr im Dorfschulhaus".
Robert Studer, Pfr, „300 Jahre Kirchgemeinde Wattenwil 1683 – 1983“, zum Ausscheidungsvertrag zwischen der Einwohner- und Kirchgemeinde.


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1887   Bau des Krankenhauses

1874 hält der hiesige Pfarrer Werner Glur vor dem Gemeinnützigen Amts-Vereins Seftigen in Thurnen ein Referat zur Errichtung einer „Notfallstube“. Resultat: In Wattenwil wird ein Krankenhaus gebaut!

Quellenangabe:
Glur Werner, „Thätigkeits-Bericht des Gemeinnützigen Vereins Wattenwil 1866 – 1896“.


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Krankenhaus Wattenwil in seinen Anfangsjahren.

Quellenangabe:
Staatsarchiv Kt. Bern, Signatur T.A Wattenwil 38. https://www.query.sta.be.ch/detail.aspx?ID=477184


1887   Die Kirchgemeinde Wattenwil übernimmt den Kirchenchor vom Staat Bern

In diesem Jahr tritt die Berner Regierung den Kirchenchor Wattenwil an die Kirchgemeinde ab, die somit die Verpflichtung übernimmt, selber für den Unterhalt aufzukommen. Die Kirchgemeinde erhält eine Abgeltung von 1‘400 Franken – 1‘000 werden zinstragend in einem Glockenfonds angelegt – später wird damit jedoch eine Orgel angeschafft...

Quellenangabe:
Studer Robert, Pfr, „300 Jahre Kirchgemeinde Wattenwil 1683 – 1983“, zur Abtretung des Kirchenchors an die Kirchgemeinde.


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1891   Konzessionsgesuch für eine Standseilbahn Wattenwil - Gurnigel

Der Berner Ingenieur Albinus Beyeler stellt ein Konzessionsgesuch für den Bau einer Standseilbahn von Wattenwil – Kilchweg bis zum Schwandboden, ca. 4 Kilometer vor dem Gurnigelbad. Die letzte Strecke von der Bergstation zum "Gurnigelbad" soll mit einem Kutschenweg oder einer Trambahn erschlossen werden. Die Idee von Beyeler wird nie umgesetzt...

Quellenangabe:
Heinrich Riesen, Gurzelen, „Eine Standseilbahn Wattenwil – Gurnigel“.


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1902   Sekundarschule in Wattenwil

Eröffnung der Sekundarschule mit 3 Klassen im Schulhaus im Oberdorf (Dorfschulhaus).

Quellenangabe:


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1902   Die Gürbetalbahn GTB fährt durchgehend von Bern nach Thun

Im Laufe der Bauarbeiten wird entschieden, dass die Gürbetalbahn bereits in Burgistein – Pfandersmatt Richtung Thun abkehrt und nicht wie vorgesehen bis Wattenwil fährt.

Quellenangabe:
Herzog Peter, „Chronik über die Gemeinde Wattenwil 1967 – 2014“ des Ortsvereins Wattenwil, Sonderbeilage 2012.


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1903   Gründung der Volksbibliothek durch den Gemeinnützigen Verein

Zitat aus der von Peter und Rosmarie Blaser mit Katharina Jaun verfassten Jubiläumsschrift „100 Jahre Volksbibliothek Wattenwil“:

„Die Idee einer Volksbibliothek ist nicht ganz neu: Schon im allerersten Anfang des Gemeinnützigen Vereins (1866) bildet sich ein Lesezirkel, der Tagesblätter und Zeitschriften abonniert, auch richtige Bücher anschafft und den Grund zu einer Vereinsbibliothek legt. 1872 wird ein eigenes Lokal im Wirtshausstock des „Gasthof zum Bären“ gemietet, in der Hoffnung, auch solche Bürger dem Zirkel zuzuführen, die gegen Sitzungen in Wirtschaften Bedenken tragen. Auch will man den übrigen Mitgliedern Gelegenheit geben, die aufgelegten Bücher und Zeitungen jederzeit ungestört zu benützen.

Während und nach dem 1. Weltkrieg erleidet die Bibliothek einen Rückschlag, da der Verein sich vorab der Linderung der täglichen Not widmen muss und für die Bibliothek kein Geld übrig bleibt.

Erst 1932 rafft sich der Verein auf, seine Bibliothek wieder in Fahrt zu bringen. Er spricht die ungeheure Summe von 1‘000 Franken, um neue Bücher zu kaufen. Zudem wird die Bibliothek, welche die Ehemaligen der Sekundarschule angelegt haben, eingegliedert. Schon 1933 haben 100 Abonnenten in einem einzigen Jahr 1‘020 Bücher gewechselt.“

Quellenangabe:
Peter und Rosmarie Blaser, Katharina Jaun, „100 Jahre Volksbibilothek Wattenwil 1903 – 2003“.


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1904   Bau des Hotels und Kurhauses Staffelalp

Das Hotel und Kurhaus Staffelalp wird gebaut. Es gilt als kleinere Dependance zum neuen Grand Hotel „Gurnigelbad“, welches im Jahr 1905 eröffnet wird, nachdem das alte Grand Hotel 1902 vollständig abgebrannt war. Das Kurhaus Staffelalp erhält eine Trinkhalle (das Schwefelwasser wird vom „Gurnigelbad“ geliefert), viele Wanderwege, eine Liegewiese und eine Sonnenbadeanlage. Die Gäste können sich vom „Gurnigelbad“ am heute leider nicht mehr bestehenden Aussichtsturm mit Restaurant „Bellevue“ vorbei auf die Staffelalp und zurück kutschieren lassen – la Belle Epoque! Mit dem Niedergang des „Gurnigelbad“ (es wird 1946 abgerissen) verschwindet auch das Kurhaus Staffelalp, wobei in ihm noch bis 1957 gewirtet wird. Heute wird das Gebäude privat genutzt.

Quellenangabe:
Burgergemeinde Wattenwil: „Altes Gewerbe: Bade- und Erholungstourismus in Wattenwil zur Zeit der Belle Epoque“.


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1912   Bahnprojekt Thun – Schwarzenburg – Freiburg

Einreichung eines Projektes an die Kantone Bern und Freiburg für den Bau einer Schmalspurbahn zwischen Thun und Freiburg, via Wattenwil – Riggisberg – Schwarzenburg; ein Anschluss an die Gürbetalbahn in der Pfandersmatt ist vorgesehen. Richtung Thun ist eine Linienführung über Thierachern geplant. Bis 1915 erreicht das Projekt einen beachtlichen Planungsstand, gerät dann aber in Vergessenheit.

Quellenangabe:
Herzog Peter, „Chronik über die Gemeinde Wattenwil 1967 – 2014“ des Ortsvereins Wattenwil, Sonderbeilage 2012.


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1918   Auswanderer nach Amerika und Heimkehrer nach Wattenwil

Wie seit drei Jahrhunderten wandern auch dieses Jahr weitere Wattenwiler aus, jetzt hauptsächlich „nur“ noch aus wirtschaftlichen Gründen. So auch Alfred Bähler, im Oberdorf. Er ist der jüngste Spross der Sigersten. Sein Grossvater, mehrere Onkel und Tanten und sowie drei seiner Brüder sind bereits in den Mittleren Westen der USA ausgewandert.

Seit der Auswanderung der Familie von Heinrich Zimmermann im Jahr 1706 und noch früheren Wegzügen haben sich unzählige Wattenwilerinnen und Wattenwiler anderswo niedergelassen – irgendwo in der Schweiz, in Europa, in Übersee. Über alle Kontinente sind sie verstreut. Armut, fehlende Beschäftigungsmöglichkeit und anfänglich auch religiöse Gründe (Täufer) zwingen sie dazu. Zusammen bilden sie und ihre Nachkommen eine grosse, weltweite Wattenwiler Diaspora.

In diesem Jahr verlieren die Fellers im Kaukasus wegen der russischen Revolution alles und machen sich auf den Weg als Flüchtlinge in ihre alte Heimat Wattenwil zurück...

Quellenangabe:
A not yet finished story! 2nd Annual Baehler Family Reunion, September 18, 2004, Monticello, Wisconsin - Bähler of Wattenwil, Switzerland.
Assad Feller, „Geschichte der Familie Feller 1795 – 2013“.


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1922   Die Gemeinde Forst schliesst sich der Kirchgemeinde Wattenwil an

Im Neujahrsgottesdienst werden die Gläubigen von Forst in der Kirche Wattenwil feierlich willkommen geheissen – nach zähen Verhandlungen mit der Kirchgemeinde Amsoldingen, zu welcher Forst seit 1321 gehört hat (Kirche und Stift Amsoldingen).

Quellenangabe:
Studer Robert, Pfr, „300 Jahre Kirche Wattenwil 1683 – 1983“, zur Eingemeindung von Forst in die Kirchgemeinde Wattenwil.


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1923   Armut im oberen Gürbetal

In seinen Erinnerungen „Ein alter Berner erzählt“ beschreibt Hans Sommer ein Erlebnis mit einer Gruppe Kinder aus dem oberen Gürbetal, das bezeugt, dass hier die Armut immer noch weit verbreitet ist:

„Um die Weihnachtstage stand eines Abends ein Grüpplein Kinder vor der Wohnungstür meiner Eltern in Wichtrach, durchfroren, nass, hungrig, in dünnen, halb zerrissenen Kleidern. Das grösste Mädchen fragt schüchtern: „Dörfe mer es Lied singe?“ Wir heissen die Kinder eintreten, und nachdem sie „Das Jahr ist nun zu Ende“ gesungen haben, setzen sie sich mit Heisshunger an den für sie gedeckten Tisch. Im Gespräch ergibt sich ein trauriges Bild: Die Kinder kommen aus dem oberen Gürbetal. ‚Mir si dehym sächzähni. Mir si em Morgen em sybni vo dehyme furt u uf Chise glüffe. Dert hi mer mit Singen aagfange. Bis jitz hi mer no nienen öppis z ässen übercho‘“.

Quellenangabe:
Sommer Hans, „Ein alter Berner erzählt“, A. Francke AG Verlag Bern, 1983.


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1923   Kirchen-Renovation

Das Innere der Kirche von Wattenwil wird renoviert.

Quellenangabe:
Studer Robert, Pfr, „300 Jahre Kirche Wattenwil 1683 – 1983“.


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1925   Mitteilung aus der Burgergemeinde Wattenwil

Das Schindeldach des Kirchturmes wird vom hiesigen Dachdecker Salomon Hadorn erneuert. Bei dieser Gelegenheit wird auch der Knauf auf der Dachspitze abmontiert, wie schon in den Jahren 1692 (Turmerhöhung) und um 1730 (Einbau der Turmuhr). Wie auch damals werden dieses Jahr Berichte verfasst und im Knopf für spätere Generationen hinterlegt.

Wir zitieren aus dem Bericht des Burgerschreibers und -kassiers Simon Krebs sen.:

„Der Burgerwald von Wattenwil umfasst 624 Hektaren Wald. Derselbe hatte bis zum Jahr 1920 eine Grundsteuerschatzung von 619‘580 Franken. Im Jahr 1920 hat eine Revision der Grundsteuerschatzung stattgefunden und wurde der Burgerwald um 102 % höher eingeschätzt, so dass dieselbe nun 1‘165‘940 Franken beträgt. Aus diesen Waldungen können jährlich 1‘800 m³ Holz geschlagen werden. Im Jahr 1925 waren 366 nutzungsberechtigte Burger. 248 Familien, welche das ganze Recht bezogen, d.h. 3 m³ Nutzholz und 2 Forsthaufen, und 118 ledige oder verwitwete Personen, welche das halbe Recht, d.h. 1 ½ m³ Nutzholz und 1 Forsthaufen, bekamen. In den Jahren 1880 und 1884 wurde das Allmendland, welches früher (1840 – 1884) von den Burgern nur pachtweise benutzt wurde, aufgeteilt.

Jede burgerliche Familie bekam 2 Jucharten, d.h. 72 Aren Land als Eigentum zugeteilt, wofür sie der Burgergemeinde 520 Franken schulden und dieses Capital à 5 % verzinsen müssen.

Noch früher, d.h. vor dem Jahr 1840, wurde das Burgerland zu Weidezwecken benutzt. Jeder Burger konnte sein Vieh auf die Weide treiben. An verschiedenen Orten waren Türli angebracht, so in der Mettlen, wo es gegenwärtig noch heisst „beim Mettlentürli“, und im Dorf, wo es heisst „beim Galgentürli“.

Im Jahr 1917 hat im Burgerwald eine grosse Rutschung stattgefunden. 40 Hektaren Wald im Schmiedenbruch und Tiefengraben sind nach der Gürbe zu abgerutscht, den darauf sich befindliche schöne Tannenbestand teilweise unter sich begrabend.

Die Burgergemeinde muss jährlich ca. 20‘000 Franken Steuern (Abgaben) bezahlen. 10‘000 Franken Gemeindeteile an die Einwohnergemeinde Wattenwil. 6‘000 Franken an den Staat Bern und 3‘654 Franken Schwellentell.

Die Schweiz hat auch während dem Weltkrieg 1914 – 18 grosse Ausgaben gehabt für militärische Zwecke, Grenzbesetzung etc. Zur Deckung dieser Auslagen werden ausserordentliche eidgenössische Kriegssteuern bezogen. Die erste Steuerperiode 1921–24 musste die Burgergemeinde 9‘600 Franken Kriegssteuer bezahlen. Voraussichtlich wird diese Steuer noch bis 1934 bezogen.

In den Kriegsjahren war eine sehr teure Zeit. Alles ging in die Höhe. Für 36 Aren Land, Kulturland, wurden durchschnittlich 6‘000 Franken bezahlt.

Milchwirtschaftliches:

Bis zum Jahr 1890 war in Wattenwil nur eine Käserei. Die Milch vom Grundbach und Mettlen wurde ins Dorf getragen, wo sie verkäset wurde. Im Jahr 1890 wurde dann im Grundbach noch eine Käserei gebaut und im Jahr 1898 auch in der Mettlen, so dass nun 3 Käsereien sind. Die Milch wurde in den Jahren 1890 – 1900 für 7 – 10 Rappen per Liter verkauft.

Während dem Weltkrieg 1914 – 18 wurde die Milch vom Käser zu 36,5 Rappen per Liter gekauft und in der Käserei wurde sie zu 42 Rappen per Liter an die Konsumenten verkauft.

Gegenwärtig, d.h. im Jahr 1925, verkauften die Bauern die Milch an Käser Ernst Ryser von Krauchthal für 25,5 Rappen per Liter in die Käserei geliefert zum Käsen. In der Käserei wird sie für 32 Rappen ausgemessen.

In der Gemeinde sind gegenwärtig 1‘500 Stück Vieh.

Im Jahr 1914 wurden mittlere gute Milchkühe für 600 bis 800 Franken verkauft. Im Kriegsjahr 1918 galten die gleiche Qualität Kühe 2‘500 – 3‘000 Franken. Im Jahr 1925 1‘400 – 1‘600 Franken.

Schöne Zugpferde galten in den Kriegsjahren 3‘000 bis 4‘000 Franken. Im Jahr 1925 1‘500 bis 2‘000 Franken.

Schöne prämierte Zuchtstiere wurden in den letzten Jahren bis 10‘000 Franken per Stück verkauft.

Ferkel galten in den Kriegsjahren 1917 und 1918 300 Franken das Paar. Im Jahr 1924 150 Franken. Im Jahr 1925 15 – 25 Franken per Paar.

Fette Schweine galten im Jahr 1914 per Kilo Lebendgewicht 1 Franken. Im Jahr 1918 8.30 Franken per Kilo Lebendgewicht. Im Jahr 1924 2 und Jahr 1925 1.50 Franken.

Futtermittelpreise:
Im Jahr 1913:
Hafer 18 Rappen per Kilo
Mais 18 Rappen per Kilo
Futtermehl 16 – 18 Rappen per Kilo
Backmehl 22 – 24 Rappen per Kilo
Im Jahr 1918:
Hafer 80 – 100 Rappen Kilo
Mais 80 – 90 Rappen Kilo
Futtermehl war keines vorhanden.
Backmehl 72 Rappen per Kilo
Im Jahr 1925:
Hafer 30 Rappen per Kilo
Mais 35 Rappen per Kilo
Futtermehl 35 Rappen per Kilo
Backmehl 60 Rappen per Kilo

Wein in den Wirtschaften:
In den Jahren
1914: 1.20 – 1.40 Franken per Liter
1918: 3.00 – 3.80 Franken per Liter
1925: 2.40 – 3.40 Franken per Liter

Bundesschnaps:
In den Jahren
1914: 1.50 Franken per Liter
1918: 6.00 – 8.00 Franken per Liter
1925: 2.00 – 2.50 Franken per Liter

Heupreise:
In den Jahren
1914: 12.00 – 15.00 Franken per 100 Kilos
1918: 40.00 – 60.80 Franken per 100 Kilos
1925: 9.00 – 13.00 Franken per 100 Kilos

Kartoffelpreise:
In den Jahren:
1914: 9.20 Franken per 100 Kilos
1918: 20.00 – 30.00 Franken per 100 Kilos
1925: 15.00 – 20.00 Franken per 100 Kilos

In den Jahren 1914 – 15 wurden in Wattenwil ca. 100 Hektaren Land drainiert: Hagen, Ey, Breitmoos, Gsang und Aftermoos. Kosten 115‘000 Franken. Gemeindebeitrag 15‘000 Franken. Später wurden auch die grossen Möser bei Thurnen, Toffen und Belp drainiert. Im Jahr 1897 wurde von Christian Krebs, Wirt zum Bären, die erste Mähmaschine in Wattenwil eingeführt.

Im Jahr 1907 wurde im Dorf Wattenwil das elektrische Licht installiert.

Im Jahr 1920 regierte in Wattenwil die Maul- und Klauenseuche auf eine schreckliche Art. Mehr als die Hälfte der Tiere waren damit befallen und viele mussten abgetan werden.

Das Jahr 1893 war ein sehr trockenes Jahr. Heu gab es bereits keines [ ,?] dagegen sehr gutes Emd gab es ziemlich viel.

Kühe wurden verkauft für 100 Franken. Das Heu wurde im Frühjahr verkauft zu 25 – 30 Franken per 100 Kilos.

Im gleichen Jahr wurde in Wattenwil die Viehzuchtgenossenschaft und Landwirtschaftliche Genossenschaft gegründet. Im Jahr 1924 hatte die Landwirtschaftliche Genossenschaft einen Umsatz von 210‘000 Franken.

Wattenwil, 14. Juli 1925

Burgerobmann: Ernst Krebs, von der Wydimatt
Burgerschreiber & Burgerkassier: Simon Krebs, vom ‚Bären‘.“

Quellenangabe:
Simon Krebs sen., Burgerschreiber und Burgerkassier, „Bericht der Burgergemeinde zum Deponieren im Knauf des Kirchturms Wattenwil“ (Bilder aus der Geschichte von Wattenwil).


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1931   Von alten und neuen Glocken in Wattenwil

Wir zitieren aus der Jubiläumsschrift:
Zwei Zeugen aus katholischer Zeit

Wer würde vermuten, dass die 300-jährige Kirche von Wattenwil zwei Glocken besitzt, die zeitlich noch viel weiter zurückgehen als sie selber? Die eine davon ist sogar fast doppelt so alt, trägt sie doch die Jahrzahl 1404, während die andere mit dem Datum 1509 ebenfalls noch aus vorreformatorischer Zeit stammt. Im Volksmund sind sie deshalb auch schon als die 'zwei ältesten Wattenwilerinnen' bezeichnet worden. Beide haben am oberen Rand zwischen zwei Schnurlinien fast gleichlautende Inschriften in der alten lateinischen Kirchensprache. Auf der kleineren von 1404 – ihr Durchmesser ist 52 cm, Gewicht ungefähr 100 kg – lesen wir in gotischen Kleinbuchstaben: 'o rex glorie christe venis nobis cum pace: O König der Herrlichkeit, Christus, komm zu uns mit Frieden'. Bei der anderen von 1509 – Durchmesser 76,5 cm, Gewicht 266 kg – fehlt die ausdrückliche Erwähnung des Christusnamens und das Schriftband besteht aus grossen Buchstaben. Inschriften solchen und ähnlichen Inhalts sind in jener Zeit sehr häufig. Sie spielen an auf Psam 24, 7-10: 'Machet die Tore weit und die Türen in der Welt hoch, dass der König der Ehren einziehe'.

So eindeutig dank der römischen Jahrzahlen ihr Alter ist, so ungeklärt ist die Herkunft der beiden Glocken. Hingen sie unter Umständen schon im Vorgängerbau der heutigen Kirche? Weist das Datum 1404 etwa gar auf die Entstehungszeit jener Kapelle hin, in deren Turm zuerst eine und hundert Jahre später eine zweite eherne Mahnerin gehängt wurde? Diesem verlockenden Gedanken widerspricht die auch im neuen 'Kunstführer durch die Schweiz' zitierte Überlieferung, wonach die beiden Glocken aus Kirchenthurnen stammen. Von Belp wissen wir tatsächlich, dass 1699 der Kirchgemeinde Zimmerwald bei deren Verselbständigung unter anderem eine mittelmässige Glocke in die Aussteuer mitgegeben werden musste. Bei der Vermögensausscheidung zwischen Thurnen und Wattenwil ist jedoch ein entsprechender Vermerk nicht zu finden. Im Gegenteil ist im Ratsmanual vom 21. März 1659 ausdrücklich von den 'dreyen gloggen' die Rede, die in Thurnen bleiben sollen. Eine weitere Möglichkeit wäre noch die, dass die zwei Glocken nach der Reformation nach Wattenwil kamen, als verschiedene Klöster und Kapellen geschlossen und die entbehrlich gewordenen Glocken von der Obrigkeit da- und dorthin verschenkt und übertragen wurden. Sei dem wie es wolle, wir es haben hier mit zwei Zeugen aus alter Zeit zu tun, die Seltenheit haben. Die Glocke von 1404 weist eine beachtenswert schöne Form auf und verfügt noch über das ursprüngliche hölzerne Glockenjoch. Dass sie mit ihrer jüngeren Schwester noch heute im Turm hängt, darf als Glücksfall bezeichnet werden.

Einem neuen Geläute entgegen

Seit langem mehrten sich die Stimmen derer, die anstelle des doch noch recht mageren zweistimmigen Geläutes neue Glocken wünschten. Die beiden alten aber, die doch gar zu klein seien und für die grosse Gemeinde nicht mehr genügen, gedachte man zu verkaufen. Dem Einwand, es sei der Pietät willen schade um sie, wurde entgegengehalten, alles gehe schliesslich einmal zu Ende, und übrigens seien so alte Glocken 'ausgeläutet' und lasse man auch nicht ein morsches Haus stehen, anstatt an seinem Platz eine neue, schönere Wohnstätte zu errichten. Indessen, solche Projekte brauchen in Wattenwil gewöhnlich viel Zeit, und das eines neuen Geläutes wurde sogar jahrzehntelang hin- und hergewälzt. Einmal verwendete man das dafür zurückgelegte Geld zugunsten einer neuen Orgel, das andere Mal beschloss die Einwohnergemeinde, ihren jährlichen Beitrag an den Glockenfonds bis zum Eintritt günstigerer Zeiten zu sistieren, und als es Anfang der dreissiger Jahre des 20. Jahrhunderts endlich zur Verwirklichung des Vorhabens kam, hatte sich das Urteil inzwischen geändert und man fand eine Lösung, welche die beiden alten Glocken einbezog und sie vor dem Schicksal der Veräusserung oder gar dem Einschmelzen bewahrte.

Am 27. Juni 1931 wurden in der Glockengiesserei Rüetschi in Aarau für Wattenwil drei neue Glocken gegossen und am 12. Juli anlässlich des Schulfestes von der Schuljugend nach altem Brauch in den Kirchturm hinauf gezogen. Eine Woche darauf fand die feierliche Weihe statt, wobei mit den neuen Glocken auch diejenige aus dem Jahr 1509 als Drittgrösste mitschwang. Nicht nur war sie nicht 'ausgeläutet', sondern liess sich mit den drei neuen Geschwistern zu einem melodischen Vierklang vereinigen. Die kleine Glocke von 1404 allerdings konnte man nicht in ein harmonisches Geläute einbeziehen. Ihres historischen Wertes wegen räumte man aber auch ihr einen Platz im an sich knapp bemessenen Glockenstuhl ein. Sie wurde früher weiterhin bei Feuer- und Wasseralarm benutzt. Nun läutet sie jeweils mit ihrer Schwester von 1509 das alte Jahr aus. So hören die Wattenwiler noch heute in der Sylvesternacht, wie es in den ersten zweieinhalb Jahrhunderten vom Kirchturm tönte!

Die Benennung der neuen Glocken wählte man nach dem Bibelspruch 1. Korinther 13,13: 'Nun aber bleibt Glaube, Hoffnung, Liebe, diese drei'. Die grösste Glocke, die 'Beerdigungsglocke', zeigt auf der einen Seite das einzige Wort 'Glaube' und auf der Gegenseite den Spruch: 'Laut schalle mein Ruf in die Lande hinein: Der Glaube soll Grundton im Leben dir sein'.

Die zweitgrösste Glocke, die um elf Uhr und am Nachmittag läutet, trägt den Namen 'Hoffnung' und den dazu passenden Vers: 'Tönt Glaube mit Hoffnung vereint himmelwärts, erträglicher werden dir Leiden und Schmerz'.

Die kleinste Glocke schliesslich heisst 'Liebe' mit dem Sinnspruch: 'Gibt Glaube und Hoffnung harmonischen Sang, die Liebe vollendet den göttlichen Klang'.

Seit diesem Jahr verfügt Wattenwil über ein vierstimmiges Geläute:

Glocke im Ton ges, Gewicht 784 kg, gegossen 1931
Glocke im Ton b, Gewicht 409 kg, gegossen 1931
Glocke im Ton des, Gewicht 266 kg, gegossen 1509
Glocke im Ton es, Gewicht 161 kg, gegossen 1931“.

Quellenangabe:
Studer Robert, Pfr, „300 Jahre Kirche Wattenwil 1683 – 1983“.


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1933   Hirsmontags-Tanne

Die Hirsmontags-Tradition wird in Wattenwil neu belebt, nachdem sie jahrzehntelang eingeschlafen gewesen war. Dieser Brauch wird in Wattenwil nur noch alle zehn Jahre gefeiert. Dafür gründlich und begeistert und schon am frühen Vormittag, auch wenn es die ganze Zeit regnet. Etwa um halb neun stehen alle, die zur Fuhr gehören, bereit. Ledige Burger und Ausburger jeden Alters, die den Mädchen geschwind Russmalereien ins Gesicht schmieren, mit einer alten Feuerwehrspritze Zuschauer bespritzen. Mit der “Schyterschäri”, einem schwer zu beschreibenden scherenartigen Gerät, das schnell hervorschiesst und in verschiedene Waden kneift. An der Tannenfuhr dürfen nur ledige Burschen im Alter von 18 bis 100 Jahren teilnehmen.

Der Ursprung der Hirmontagstanne geht bis in die alemannische Zeit oder noch weiter zurück! Der Brauch deutet auf die Armut der damaligen Bevölkerung hin, die zu jener Zeit von Haus zu Haus und von Hof zu Hof marschierte, um für eine Gabe zu betteln! Früher erhielten diese Leute meistens Hirse, das Hauptgetreide von damals. An Stelle dieses “Gewächses” erhält die Hirsmontagsgesellschaft, die heute die arme Bevölkerung symbolisiert, eine Tanne aus dem Burgerwald! Die schönste und mächtigste soll es jedes Mal sein!

Quellenangabe:
Website (2002-2016) http://www./tannenfuhr.ch/


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1938   Die Rainsäge wird elektrifiziert

Die Rainsäge wird elektrifiziert und mit einem Gatter für mehrere Sägeblätter ausgebaut. 1943 wird das Wasserrad ausser Betrieb genommen. Die Säge wird von der Burgergemeinde bis heute (2018) im Nebenbetrieb benutzt, zum Beispiel für die Herstellung von Brettern für den Bach- und Strassenbau, Tische und Bänke für Erholungseinrichtungen im Wald oder für den Verkauf.

Quellenangabe:
Niederhauser Hans und Kesselring 2002-2; Auskunft Habegger Christian, alt Revierförster: Burgergemeinde Wattenwil: „Die Sägerei Grundbach“.


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1948   Walter Zimmermann

Am 13. März verstirbt Walter Zimmermann, Forstingenieur ETH. Er widmete sich leidenschaftlich der Urgeschichtsforschung und geologischen Forschung unserer Gegend. Er verfasste verschiedene Berichte, die u.a. in der „Bernische Geschichte, Kunst und Altertumskunde“ publiziert wurden.

Quellenangabe:
Schuler Peter, „Musique et Vie Berne“.


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